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Druschba Fahrt 2017 – Reisebericht

(nach langem Zögern, habe ich mich dazu entschlossen, diesen vor zwei Jahren geschriebenen Reisebericht hier in meinem Blog zu veröffentlichen. Insbesondere könnte ich mir vorstellen, dass Interessierte an einer weiteren Druschba – Fahrt, sich für diesen Bericht interessieren könnten)

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Hiermit präsentiere ich meinen Reisebericht unserer Friedensfahrt nach Russland 2017. Er ist gedacht, erstens als Erinnerung und Aufarbeitung für uns selbst, zweitens, für meine Geschwister, Kinder und alle Familienangehörigen in Deutschland, Australien, Kanada und Frankreich, drittens für alle Friedensmitfahrer und Sympathisanten, die sich dafür interessieren mögen und viertens als Vorlage für einen möglichen Vortrag, den ich beizeiten in unserer Dorfkneipe zu halten gedenke.
Durch seine ausschweifende und ausführliche Länge, sowie aber AUCH durch meine unkonventionelle, manchmal exotisch eigene Art, mit meiner Meinung nicht zurückhaltend umzugehen, auch, was die Beurteilung und Beschreibung von Personen angeht, – mag dieser Bericht sicherlich für manch einen schwer verdaulich oder gar nicht lesbar sein. Das nehme ich in Kauf. Man kann es nie allen recht machen.
Es MUSS den Bericht ja niemand lesen! Dennoch seid Ihr alle herzlich dazu eingeladen. Auch mit Kritik – und Zustimmung kann ich gut umgehen, solange es nicht „unter die Gürtellinie“ geht.
Alfred Kath Hamdorf 21.08.2017
Freundschaftsfahrt nach Russland 2017
Vom 23.Juli bis 13. August 2017, also drei Wochen lang, waren Benita (meine Frau) und ich mit unserem alten Opel Zafira in Russland 7.253 km unterwegs. Auf einer volksdiplomatischen Mission zusammen mit etwa 350 anderen „Friedenfahrern“ – wollten wir ein Zeichen setzen für Völkerverständigung, Frieden und Freundschaft.
Was hat uns zu dieser Fahrt inspiriert oder motiviert?
Seit einiger Zeit, besonders seit der Übergabe meines Betriebes an meine Söhne im Juni 2014, weil ich von da an mehr Zeit zum Lesen und Recherchieren im Internet habe, sehe ich mit wachsender Sorge und Widerwillen, was bei uns in Deutschland – und weltweit – in Politik und in den Medien „gespielt“ wird.
So kam ich im Internet über den Kanal Kenfm des von mir sehr geschätzten Journalisten Ken Jepsen zu Interviews, welche er mit dem Schweizer Historiker Dr. Daniele Ganser – und später – mit Dr. Rainer Rotfuß führte.
Rainer Rotfuß ist wohl der Initiator dieser „Friedensfahrten“. Die erste fand mit über 200 Teilnehmern 2016 statt. Die zweite, an welcher wir teilnahmen, wie gesagt mit etwa 350 dieses Jahr und die nächste ist für 2018 schon in Planung. Nächstes Jahr können wir allerdings nicht dabei sein, weil wir in etwa zur selben Zeit ein großes Familientreffen in Kanada haben.
Als ich Ende letzten Jahres im Internet von Rainer Rotfuß von der Friedensfahrt nach Russland 2016 erfuhr, – sagte ich zu Benita spontan, – da wäre ich gern mitgefahren. Als ich dann kurze Zeit später von den Plänen für eine erneute Fahrt in 2017 erfuhr, wollte ich sofort mit dabei sein.
Im Übrigen sehe ich in Rainer ein Musterbeispiel der von mir propagierten NEUEN EURASISCHEN ELITE, – auch wenn er sich selbst vielleicht nicht gerne so sehen will. Jung und dynamisch, gebildet, eloquent, geduldig, durchsetzungsstark, bescheiden und bodenständig, organisatorisch begabt, mutig, nervenstark, teamfähig und führungsbegabt. Vielleicht etwas sentimental veranlagt ( ein kleiner „Schatten“ verringert die Gefahr, ein Bild als kitschig einzustufen. Er versteht es exzellent, Menschen mitzunehmen – das ist, was ich unter Führung verstehe.
Ich arbeite seit Längerem an einem Projekt, welches eine neue Eurasische Kooperation zum Ziel hat. Das heißt, eine politische, wirtschaftliche, kulturelle und sportliche Zusammenarbeit und
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Koordination zwischen Europa und Russland – Asien – (oder wenigstens Deutschland und Russland) Um dieses zu erreichen, glaube ich, müssen die transatlantischen Eliten – besonders in Medien, Politik und Wirtschaft, – in Deutschland und ganz Europa ausgetauscht werden. In diesem Sinne bin ich seit einiger Zeit dabei, Elitenforschung zu studieren – und mache den Versuch, eine NEUE EURASISCHE ELITE zu „entwerfen oder formulieren“ und Wege dahin auszuloten. Das ist sozusagen die Klammer, die mich zu der Friedensfahrt führte. In dem Internetforum „analitik.de – politische Analysen“ fand ich kürzlich den Spruch – „transatlantisch (heißt amerikanisch) war einst wie ein Adelsprädikat, – es muss und wird zum Schimpfwort werden. Auch daran arbeite ich. Dabei halte ich mich nicht für „antiamerikanisch“ – es ist nur die amerikanisch – imperiale Politik, insbesondere die der Neocons und der Globalisten, die eine amerikanisch dominierte Weltregierung anstreben, die ich ablehne. Es gibt zahlreiche Bücher amerikanischer Schriftsteller, auch politische, die ich sehr schätze.
Zunächst dachte ich alleine zu fahren, ohne Benita, weil sie mit der Pflege ihrer alten schwachen Mutter bei uns zuhause sehr in Anspruch genommen war und ist. Dann aber kam ich auf die Idee, Benita zu fragen, ob sie nicht auch mitwolle, – wir könnten ja für die Zeit eine Pflegelösung für Ihre Mutter finden. Benita, die fast mehr, als ich Reisen liebt, freute sich und sagte sofort zu. Und ich bin so froh, dass wir so entschieden haben, denn nicht nur Benita genoss die Reise sehr, sondern auch ich konnte mit ihr gemeinsam viel mehr und intensiver genießen. Es hat unserer Beziehung auch sehr gut getan, fast wie ein zweiter (oder dritter) Frühling. Benita konnte sich auch sehr gut in die Gruppendynamik mit einbringen. So hat sie Z.B. ein Friedenslied, welches perfekt zu unserer Sache passte, gefunden – einen Stapel Kopien in einem Hotel anfertigen lassen und das Lied dann unter Begleitung ihrer Gitarre mit unserer Gruppe einstudiert. Auch das hat dazu beigetragen, dass unsere Gruppe „Wolga“ vielleicht eine der besten Gruppen der Reise wurde.
So begann unsere Reise am Sonntag dem 23.Juli 2017. Um 6 Uhr morgens fuhren wir bei Regenwetter von Hamdorf los. 10/30 Uhr kamen wir am Brandenburger Tor in Berlin an, wo für das Unternehmen „Friedensfahrt 2017“ eine Abschiedsveranstaltung mit Bühne stattfand. Die Straße des 17.Juni vor dem B. Tor war extra von der Polizei für uns gesperrt bzw. reserviert worden. So konnten wir auch unser Auto direkt dort parken. Sofort nach der Ankunft ging eine lange „Begrüßungszeremonie“ los. Man begrüßte sich per Handschlag oder Umarmung, je nachdem ob oder wie gut man sich kannte. In unserem Fall waren es nur ganz wenige, die wir kannten, dennoch ging man offen und freundlich auf einander zu – und es herrschte von Anfang an das Du bei allen Teilnehmern. Das finde ich bedeutsam für den Verlauf des Unternehmens – und sehr sympathisch. Überrascht war ich, Holger Thiessen, einen Freund und politischen Aktivisten aus Rendsburg, der für eine Partei, welche das bedingungslose Grundeinkommen propagiert, dort am B.Tor anzutreffen. Er fragte mich, ob ich für ihn eine Botschaft an Edward Snowden überbringen könne. Ich verwies ihn an den stellvertretenden russischen Botschafter, der gerade eine Rede gehalten hatte. Ob Holger bei ihm etwas erreichen konnte, weiß ich noch nicht.
Was ich jetzt schreibe, wird einigen Teilnehmern nicht gefallen, aber ich bin einer ehrlichen Berichterstattung – wie sie sich aus meiner Sicht ergibt – verpflichtet. Jeder hat sein Urteil und seine Sicht, ich habe meine. – Einige Beiträge, sprachliche sowie musikalische dieser Veranstaltung am B.Tor haben mir nicht gefallen. Einige der Reden fand ich hetzerisch und vom Niveau her eher peinlich. Bei der Musik ist es der amerikanische Rock Pop und Blues, den ich nur schwer ertragen kann. Das löst bei mir zeitweilig ein fast depressives Gefühl des „nicht Dazugehörens“ aus. Ähnlich erging es mir auch bei der Abschlussfeier – wieder am B.Tor. Warum das so ist, warum ich offensichtlich in einigen Dingen, besonders bei Musik, anders empfinde, als die Mehrheit meiner Zeitgenossen, das ist ein Thema für sich, – zu lange für hier. Bei aller Ablehnung amerikanischer
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Werte und Politik, die ich mit den meisten der Friedensfahrer wohl teile, – scheint es mir, als wenn die ganze Welt zu amerikanischer Musik „tanzt“. Auch die Russen, wie ich schon zu meinem Erstaunen bei meiner ersten Russlandreise im April dieses Jahres feststellte, hören überall und gerne amerikanische Musik, – im Taxi, in Kneipen und Bars, bei Festen und Veranstaltungen. Dabei halte ich die Russen allgemein für besonders musikalisch – und sie haben wunderbare eigene Musik und Melodien. – Auch so ein Thema, über welches man lange und ausführlich schreiben könnte, besonders, wenn man bedenkt, welche Macht in der Musik steckt.
Einige der Reden fand ich jedoch auch gut, besonders die von Rainer Rotfuß, der die Dinge zwar offen und schonungslos anspricht, aber – eben mit einem gewissen Niveau. Auch Uwe Schattauer, einer der Mitinitiatoren fand ich angenehm eloquent, wenn auch etwas „volkstümlicher“. Auch die Rede des russischen Stellv. Botschafters erfreute mich – und ebenfalls einige russische musikalische Darbietungen.
Die Veranstaltung zog sich lange hin und gerade als Ken Jepsen am Mikrofon stand, machte die Polizei plötzlich Druck, – wir müssten jetzt unverzüglich um 16/30 Uhr starten, da sie sonst abrücken würden und wir somit auf die versprochene Verkehrsleitung verzichten müssten. Ich glaube zwar nicht, dass es politisch gegen Ken Jepsens Rede motiviert war, sondern die Polizei wurde ungeduldig, weil sich unsere geplante Abfahrt schon so lange hinausgezögert hatte. Gerne hätte ich Kens Rede gehört, obwohl ich ihn als Journalist im Interview viel mehr schätze, als in öffentlichen Reden. Aber seine Rede kann ich bestimmt auf U-tube nachhören.
So, – endlich ging’s los. In einem endlos langen Konvoi mit wohl über 100 Fahrzeugen, alle geschmückt mit Druschba –Aufklebern und Wimpeln und Fahnen, wurden wir von der Polizei auf Motorrädern durch Berlin geleitet. Wir fuhren zunächst eine „Ehrenrunde“ um das Regierungszentrum, den Reichstag, aller Verkehr wurde für uns angehalten, laut hupend, Fahnen schwingend unter Applaus tausender Berline Bürger aus der Stadt. Es war ein erhebendes Gefühl, welches einem einen Kloß im Hals erzeugen konnte. Die Fahrt durch Berlin bis zum Stadtrand Richtung Polen – Stettin, mit Polizeibegleitung war lange und emotional bewegend.
Abends ca. 20 – 21 Uhr kamen wir müde und dennoch glücklich erregt im Novo Hotel in Stettin an und checkten uns ein.
Meine Probleme mit der Kommunikationstechnik fingen an der polnischen Grenze an. Ich hatte auf meinem Smartphone keinen Empfang mehr und musste mich in allen Dingen, wie Navigation, Hotelbuchungen drgl. Total auf meine Gruppenmitreisenden verlassen. Mit Konstantin Schneider, unserem Wolga Gruppenleiter hatte ich dankenswerterweise einen zuverlässigen und geduldigen Helfer an der Seite. Er kümmerte sich die ganze Reise in rührender Weise um uns „kommunikationstechnische Analphabeten“. In Russland ging es ja dann etwas besser, weil ich mit der russischen Simkarte wenigstens wieder einen Tel. Empfang hatte. Für den größten Teil der Reise hatte ich auf der Straße immer die Heckstoßstange von Konstantins kleinem Toyota fest im Visier und ließ da keinen zwischen – selbst auf Rot schaltende Ampeln wurden ignoriert. Konstantin meinte einmal scherzhaft, sein Rückspiegel hätte Sehnsucht nach meiner Opelschnautze.
Einmal, als Konstantin es sehr eilig hatte, – wir hatten es fast immer Eilig – von Termin zu Termin hetzend, hier noch ein Foto, da noch ein emotionaler Abschied, immer zu spät auf uns wartende Gäste zueilend, – einmal, da überholte ich einen LKW im Überholverbot in einem verzweifelten Versuch, den Anschluss nicht zu verlieren. Prompt winkte mich eine Polizei, die ich übersehen hatte aus dem Verkehr. Familie Böhme hielt treu hinter mir an um mir Beistand zu leisten. Die Polizei wollte zunächst meine Papiere sehen. Ich versuchte zu erklären, dass ich meinen Führerschein
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verloren hätte, aber wie, wenn ich nicht Russisch kann und sie weder Deutsch noch Englisch? Schließlich zeigte ich ihnen meinen Personalausweis. Sie schauten ihn an, konnten offensichtlich nicht schlau draus werden oder erkennen, was es war – und fingen an mit mir zu schimpfen, – auf die durchgehende weiße Linie – und dass ich da nicht überholen dürfe. Die Böhms hatten ihnen einen russischen Flyer in die Hand gedrückt um zu erklären, wer wir seien und was wir vorhatten. Sie schoben ihn indigniert zur Seite, so als wollten sie sagen, – ja, ja, wir wissen schon, wer ihr seid, aber dennoch dürft ihr hier nicht überholen. Als ich per Zeichensprache ihnen zu bedeuten versuchte, dass sie mir den Kopf abhacken müssten, oder eben tun, was sie müssen, – da schimpften sie noch einmal kräftig auf mich ein, drehten sich kurzerhand um, stiegen in ihr Auto und fuhren davon, so als ob sie sagen würden „leck mich doch“ Uns blieb nur ein erleichtertes Lachen übrig, auch wenn wir inzwischen den Kontakt zu unserer Gruppe verloren hatten und ihn nur mit einigem Stress wiederherstellen konnten. Die anderen waren nämlich weitergefahren, ohne auf uns zu warten, weil sie unbedingt in Moskau an einer geplanten feierlichen Zeremonie an einem Kriegsdenkmal teilnehmen wollten.
Am Montagmorgen um 9/30 Uhr ging‘s im Konvoi mit 5 Autos der Wolga Gruppe weiter Richtung polnisch-russischer Grenze. – Polen machte auf mich einen aufgeräumten, ordentlichen, positiven Eindruck. Keine „polnische Wirtschaft“. Zwar gab es schon auch ärmliche Häuser, aber insgesamt machten Straßen, Gebäude und auch die landwirtschaftlichen Flächen einen guten gepflegten Eindruck.
An der polnisch- russischen Grenze fing der Stress mit Warten und Bürokratie dann an. 3 bis 4 Stunden Wartezeit mit endlosen Passkontrollen, Visa und Zollkontrollen und immer noch einmal. Da wird einem dann plötzlich bewusst, was wir in Europa mit dem Schengen Abkommen – und dem Euro doch so haben. Von der Grenze ging’s am späteren Abend, als es schon ziemlich dunkel war in die etwa 25 km entfernte Stadt Kaliningrad, welche in einer kleinen russischen Enklave, umringt von Polen und Litauen liegt. Dazu wurden wir von den Nachtwölfen, eine fast mystisch anmutende russische Motorradfahrervereinigung, welche großen Respekt und Ansehen in der Bevölkerung genießt, in einer atemberaubenden Aktion durch die Stadt geleitet. Ohne verkehrsrechtliche Anordnung, ohne Warnkleidung, ohne Kelle, leiteten sie uns souverän und sicher durch den Verkehr. Kein Verkehrsteilnehmer wagte zu widersprechen, wenn sie einfach mit dem Motorrad mitten auf die Kreuzung fuhren und den regen Abendverkehr für uns zur Durchfahrt sperrten. Und das, obwohl sie mit ihrer schwarzen Kluft und ihren überwiegend schwarzen Motorrädern nachts nur schwer zu erkennen sind. Die „Wölfe“ eskortierten uns zum „Königshof“ – einem palastartigen Edelhotel, wo wir mit Begeisterung, Essen und Trinken, Bühnenprogramm – russischen Volkstänzen und Sängern, Willkommensreden, Tanz und Gespräch empfangen und unterhalten wurden. Das war dann schon mal eine kräftige Einstimmung, auf was wir uns des Weiteren gefasst machen könnten. Eines der Highlights für mich war die Rede, – oder Darbietung der kleinen Tochter von Konstantin – einem unserer Reiseveranstalter und Organisatoren (ich schätze sie auf etwa 10 Jahre) auf Russisch. Obwohl ich sie natürlich nicht verstehen konnte, beeindruckte mich Ihre Selbstsicherheit und ihre Ausdrucksfähigkeit. Im Programm standen auch viele weitere tolle Darbietungen an Gesang und Tanz (diesmal ganz in russisch – ohne Rockmusik!) Der Eintritt in diese Veranstaltung betrug € 25,00 pro Person. Bei einem kurzen Gespräch mit dem Filmemacher Dirk Pohlmann, den ich von den Friedenskonferenzen in Bad Sooden-Allendorf her kenne, erzählte mir dieser, dass Friederike Beck, die Vorsitzende und Mitbegründerin der Internationalen Friedens Gesellschaft in diesem Frühjahr gestorben sei. Das ist ein Schock, sie war wohl noch keine 50 und wir wissen jetzt noch nicht, wie’s mit der IFG weitergehen wird.
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Ca. Mitternacht zogen wir uns in die Jugendherberge zurück, welche Konstantin Schneider für uns mit gebucht hatte. Sie war sehr billig, sauber und in jeder Hinsicht gut. Wir verbrachten 2 Nächte dort.
Dienstag, bis 9 Uhr gut geschlafen, nach dem Frühstück um 11 Uhr, Treffen am alten Rathaus, einem hässlichen Betonklotz aus Sowietzeiten, mitten in der Stadt. Von da aus ging’s erst einmal mit einer Gruppe in einen Telefonshop – und endlich, mit etwas Hilfe hatte ich per russischer Simkarte, welche wir schon in Berlin alle erhielten, wieder einen Telefonempfang. Auch da wieder merkt man, wie sehr wir doch heute auf diese Kommunikationstechnik angewiesen sind, vor allem in der Fremde.
Nach einer kleinen Stadtführung – Z.B. zur Kirche mit dem Kant Denkmal (Kants Geburtsstadt) fanden Benita und ich ein Restaurant und etwas zu Essen, ehe wir uns Mathias und Heike anschlossen und zum Bernsteinmuseum gingen. Danach wollten wir einer Kranzniederlegung beiwohnen, aber in einem langen ermüdenden Fußmarsch verliefen wir uns und versäumten diese.
Abends um 8 Uhr trafen wir uns im Hotel Agora zu einer organisatorischen Besprechung. Hierbei erlebten wir, wie eine Mitreisende in krasser Weise ausrastete und die Besprechung bis nahe an den Punkt des Zerreißens brachte. Ich vermute, dass es ein erstes Zeichen von nervlicher Überbelastung war. Von diesem Moment an sah ich in der Reise –AUCH – ein interessantes soziologisches Experiment. – Wie verhält sich eine Gruppe von erstmal unbekannten Menschen, auf einer solch nerven- und energieaufwendigen – mehrwöchigen Aktion, – ohne dass es eine klar vorgegebene Organisationsstruktur oder eine klar angesagte Autorität gab? Das Ganze in einem fremden Land mit fremder Sprache, die nur wenige Übersetzer mehr oder weniger beherrschten. Nach der Besprechung tranken wir mit Konstantin und Jonathan in der Jugendherberge noch ein paar Flaschen Bier und tauschten uns im Gespräch erstmals gegenseitig aus, so dass wir ein wenig Ahnung über einander hatten. Das war auch mal schön.
Mi. 26. Juli – Fahrt von Kaliningrad zur Grenze von Litauen nach Lettland – Riga. Grenzstation an der Memelbrücke, – lange Fahrt, lange grade Strecken, – abends um 21 Uhr in Riga. Wir hatten ein kleines privates „Hotel“ –„Just like home“ per Internet gebucht, – € 24,00 für ein Doppelzimmer. Von den Eigentümern oder Betreibern niemand zu sehen. Morgens um 10 Uhr Treffen mit organisatorischer Besprechung am Hotel „Tuss“ – nachdem wir erste Versuche mit dem Navigationssystem google maps absolviert haben, um von unserem Hotel zur Sammelstelle zu finden. Irgendwie hat’s letzten Endes immer geklappt. Nur immer Nerven bewahren! Wenn du nämlich in einem fremden Land mit einer Sprache, die du nicht verstehst, nicht mehr weißt, wo du bist und wo du jemanden finden kannst, den du kennst, oder der dir weiterhelfen kann und dein Telefon keinen Empfang hat, dann hast du schon ganz schön die Arschkarte gezogen.
Viktor, unser einziger kompetenter Übersetzer, war nicht zum Meeting gekommen. Es hieß, er hätte einen Aussetzer wegen Übermüdung. Er hatte zuvor zwei Nächte lang in seiner äußerst hilfreichen und kompetenten Art Hilfsbedürftigen beim Übersetzen geholfen. Außerdem war geplant, ihn mit auf eine andere Route zu schicken, weil die überhaupt keinen Übersetzer hätten. Wir hatten immerhin noch Lena und Konstantin. Lena beabsichtigte zum Teil eigene Wege zu gehen, weil sie Verwandtschaft in Russland hatte und Konstantin, abgesehen davon, dass er mit der Organisation unserer Gruppe viel Arbeit hatte, konnte nur notdürftig genug Russisch um sich verständlich zu machen, kaum aber, um ordentlich zu übersetzen. Nachdem Viktor sich einigermaßen ausgeschlafen hatte und wir eine etwas bange Zeit nicht recht wussten, wie’s weitergeht, kam er zu uns zurück mit der frohen Nachricht, dass er nun doch bei uns in unserer Gruppe bleiben werde. Darüber war ich sehr froh und auch später stellte sich seine hervorragende Übersetzerqualität als ungemein wertvoll für unsere Gruppe heraus.
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An dieser Stelle möchte ich gleich mal für Viktor eine „Lanze brechen“ und die Überlegung in den Raum stellen, ob es nicht angebracht wäre, ihn für nächstes Jahr – quasi „offiziell“ als Übersetzer zu engagieren und ihm dahingehend ein Angebot zu machen?
Do. 27 Juli – Nach der Besprechung an den Bussen in Riga. ca. 300 km Fahrt zur Lettisch – russischen Grenze bei Pskow. An der Grenze ca. 15 Uhr. Aus Mangel an organisatorischen Möglichkeiten in Pskow im Hotel zu viert mit Konstantin und Jonathan(Bruder) Schneider in einem Zimmer. Kein Problem jedoch, die beiden sind sympathisch, hilfsbereit und unkompliziert.
Abends fuhren wir mit dem Taxi in die Stadt zum Kreml (unser Hotel lag etwas außerhalb) um uns mit unserer Gruppe in einer Kneipe beim Essen mal etwas näher kennen zu lernen und auszutauschen. Mit dem Taxifahrer versuchte ich ein kleines „Gespräch“ mittels dem Smartphone Übersetzungsprogramm. Es ist schwierig. Immerhin begriff er, dass wir aus Germania kamen und das reichte aus, dass uns dankte-! – und kein Geld annehmen wollte. Bewegende Momente!
Bei dem Essen im Restaurant waren dann außer unserer Gruppe noch andere Friedensfahrer aus anderen Routengruppen alle an einem großen Tisch und es ging lebhaft zu, auch wenn das Essen lange auf sich warten ließ. Die Gastgeber waren wohl etwas überfordert mit so vielen Gästen. Dafür sorgten dann aber mehrere Flaschen Wodka für gute Stimmung. 5 Flaschen (a 500 ml) auf etwa 20 Teilnehmer verteilt war schon mal ein gutes Stück „Einstudieren“.
Am Freitag, 28. Juli gab es ein Open-Air-Konzert in der Stadt in der Nähe des Lenin Denkmals, extra für uns. Wir saßen auf dem Rasen und genossen das tolle Konzert, einige tanzten, es gab viele Fotos. Ich versuchte einen „Fahnentanz“, der dann im Laufe der Reise oft nachgemacht wurde.
Von da aus trennten sich dann unsere Routen – jedoch wurde die Frage an alle noch gerichtet, wer an dem Besuch des etwa 2 ein halb Std entfernten Dorfes Utorgosch teilnehmen wolle. Wir wollten. Und das stellte sich als gute Entscheidung heraus. Das kleine Dorf Utorgosch, draußen in der Wallapampa, welches schon letztes Jahr Gastgeber der Tour 2016 war und von dem einige Teilnehmer der letzten Reise meinten, es sei der absolute Highlight der Reise gewesen, hatte sich in grandioser Weise auf unseren Besuch vorbereitet. Man hatte auch den Eindruck, als sei unser Besuch auch für sie ein Jahreshighlight. Neben offiziellem Besuch von „Oben „ waren von der Bürgermeisterin, Dolmetscherin bis hin zum letzten Dorfbewohner, alt und jung alles dabei und feierte ein tolles Dorffest, mit extra aufgebauter Bühne, vielen Reden, Tanz und Gesangsdarbietungen bis in die frühen Morgenstunden. Zunächst gab es eine feierliche Kundgebung am Kriegsdenkmal mit Blumenniederlegung. Dann gemeinsames Essen, vorbereitet für uns in der Dorfschule, dann ein Fußballspiel – eine Mannschaft zusammengestellt von uns, eine von ihnen. Nach einem engagierten Spiel durften die Russen endlich einmal über die germanischen Fußballer triumphieren. Das soll nicht heißen, dass die Russen keine guten Spieler hätten. In Erinnerung geblieben ist mir auch eine Rede der Bürgermeisterin von Utorgosch. Darin sagte sie „wir wollen Frieden, damit unsere Frauen in Ruhe Kinder gebären und aufziehen können“ Ich kann mir einen solchen Satz unmöglich in Deutschland an offizieller Stelle gesprochen vorstellen. Da beschäftigt sich unsere Gesellschaft lieber mit den Rechten von Schwulen u.s.w. Zwischen Fußballspiel und Dorffest war ich noch mit einigen Friedensfahrern in einer selbstgebauten Sauna eines der Dorfbewohner. Da ging es dann auch zünftig zu, mit Bier und Wodka und selbstgebranntem Schnaps.
Als Vater von 12 Kindern ist mir natürlich auch aufgefallen, wie das allgemeine Straßenbild in Russland viel mehr von Kindern und Jugendlichen geprägt ist, als hier in Deutschland. Das liegt, wie
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ich meine, nicht nur daran, dass es in der russischen Gesellschaft wahrscheinlich mehr Kinder pro Einwohner gibt, sondern auch daran, dass Kinder mehr beachtet und „mitgenommen“ werden.
In Utorgosch übernachteten Benita und ich das erste und einzige Mal in unserem mitgebrachten Aufklappzelt auf dem Sportfeld. Für die anderen, die nicht mit Wohnmobil und dgl. da waren, waren Schlafmöglichkeiten in der Turnhalle vorgesehen. Da aber die Feier auf dem Dorfplatz bis um 5 Uhr morgens andauerte und infolgedessen in der Turnhalle andauernde Unruhe herrschte – und wir müde waren zogen wir es vor so zu schlafen. Außerdem waren auch die Mücken sehr schlimm und im Zelt kamen die nicht rein.
Sa. 29.Juli – Zelt Abbau, einpacken, Frühstück in der Turnhalle und Start in Richtung Weliki Nowgorod ca. 11 Uhr. Eigentlich stand W.Nowgorod nicht auf unserem Plan, aber Viktors Auto musste in die Werkstatt, weil seine Felgen durch die katastrophale Straße nach Utorgosch verbogen waren. Unsere „Besonderen Freunde“ – die Nachtwölfe kamen, zuverlässig, wie immer, wenn sie gebraucht wurden zur Hilfe und organisierten Werkstatt, Unterkunft und alles für Viktor, so dass er nächsten Tages weiterreisen konnte. In der Zwischenzeit nutzten Familie Opel, – d.h. Vater Niels und Töchter Marie und Luisa (Mutter Helen kam erst später dazu) – und wir die Zeit, um uns den Kreml in W.Nowgorod anzuschauen und eine Kleinigkeit zu essen. Ich war ja im April mit meinem Sohn Heinrich schon drei Tage in W.Nowgorod mit Bernd Saxe, dem Bürgermeister von Lübeck und einer Wirtschaftsdelegation. Weil ich dort auch Kontakte geknüpft hatte und weil ich Benita viel von der schönen Stadt erzählte, kam es uns ganz gelegen, dort nochmal einzukehren, so dass Benita sie auch sehen konnte. Als ich die Stadtangestellte Dolmetscherin anrief, die uns damals beim Übersetzen half und sie fragte, ob ich den Bürgermeister Bobrischew sprechen könne, oder ihn kurz besuchen, um den Kontakt zu erneuern, sagte sie mir, leider sei am Samstag die Stadtverwaltung geschlossen und Herr Bobrischew nicht zu erreichen. Sie erkannte mich jedoch sofort beim Namen am Telefon. So fuhren wir weiter nach der Stadt Twer, wo wir von der Russisch-Deutsch-Lehrerin Jelena und Ihrem Sohn empfangen wurden und zu unserem Hotel begleitet, wo wir dann bei gutem Gespräch gemeinsam zu Abend aßen. Bei einem anschließenden gemeinsamen Abendspaziergang am Wolgaufer nutzten einige unserer Teilnehmer das herrlich warme Wetter zum Schwimmen in der Wolga. Danach saßen wir noch bis Mitternacht in einem Biergarten am Wolgaufer zu einem gemütlichen Plaudergespräch mit Jan und Claudia Sönksen und Herbert. Der zurückhaltende Herbert erschien mir ein wenig wie ein „Alt Achtundsechziger“. Als ich beim Spazieren zufällig etwas über mein ehemaliges Hobby Drachenfliegen erzählte, sprang er auf und rief, – das isses! Die ganze Zeit über hatte er gerätselt, ob und woher er mich kennen würde. Plötzlich viel es ihm ein. Er war wohl auch mal kurz dabei, beim Drachenfliegen und da müssen wir uns irgendwie begegnet sein.
Jan Sönksen wiederum erzählte, dass er bis vor Kurzem eine Firma mit Rollrasen in Hamburg gehabt habe – und er meinen Söhnen, die jetzt den Garten und Landschaftsbau Betrieb führen schon mal Rollrasen verkauft habe. – So klein ist die Welt manchmal.- Jan, der mich wegen seiner Größe, seiner rötlichen Haarpracht, die er nach hinten zum Zopf gebunden hat an einen Wikinger erinnerte, ist ein prima Kerl, immer hilfsbereit, an allem interessiert. Auch seine Frau Claudia, die mich mal eine Weile beim Autofahren ablöste, ist sehr sympathisch. Überhaupt, hatten wir in unserer Gruppe wohl nur sympathische Menschen. Wie sich das weiter entwickeln würde, wenn wir mal für eine längere Zeit zusammen leben, oder arbeiten müssten, weiß man natürlich nicht.
Herbert meinte einmal zu mir „du saugst ja wie ein Staubsauger alles und jedes um dich herum auf wie ein Elefant mit einem großen Rüssel“. Ja, das mag in gewisser etwas stimmen, – jedoch werde ich infolgedessen auch relativ schnell müde. Autofahren mochte ich nie besonders gern. Die endlosen Strecken mit langen geraden Straßen, die Hitze – wir hatten bis zu 35 Grad – und wir ohne
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Klimaanlage – und dann noch dazu die ständige Übermüdung durch das stramme Programm jeden Tag, – setzten mir ganz schön zu. Benita war zu unsicher und hatte Angst, dort zu fahren, zumal mit der Notwendigkeit ständig unter zulässiger Höchstgeschwindigkeit – oder auch ein bisschen mehr, dem Vordermann immer dicht auf den Fersen zu bleiben, um nicht abgehängt zu werden. So mussten wir halt öfters mal eine Pinkel und Kaffeepause machen, denn den anderen ging es ja nicht so viel anders, als mir. Die Jüngeren (ich glaube, wir waren die ältesten in der Gruppe) kamen meistens auch erst später ins Bett, als wir – und da gab’s dann auch noch den einen oder anderen Wodka oder Flasche Bier. Die Landschaft erschien mir als nicht viel anders als wie bei uns in Deutschland, – nur viel größer alles – endlose Birken und Kiefernwälder, riesige Getreide oder Sonnenblumenfelder – soweit das Auge reicht. Mir viel auf, dass ich während der gesamten Reise fast kein Stück Wild zu sehen bekam. Nur einmal am Straßenrand ein paar kleine Tiere, wie Murmeltiere oder Lemminge oder sowas. Erst in Polen sah ich wieder Rehe. Störche gab’s ne Menge, vor allem in Polen, Litauen, Lettland und Weiß Russland. Sehr häufig sahen wir am Straßenrand, selbst auf der Autobahn, Frauen und Männer, die dort saßen und etwas zum Verkauf anboten, – Pilze, Kartoffeln, Marmelade, auch handwerklich Hergestelltes oder Bilder, Kleidungsstücke usw. Selten sah ich, dass einer anhielt um dort etwas zu kaufen und so fragte ich mich ständig, ob sich das wohl lohne, dort den ganzen Tag zu sitzen. Aber was versteht man unter „sich lohnen“? Das ist wohl relativ. Manchmal habe ich mich in der Landschaft an Australien erinnert, aber das liegt wohl mehr an der Größe – und vielleicht noch etwas an der größeren „Unbelassenheit“, als an der Art der Vegetation oder landschaftlichen Beschaffenheit. Bei uns in Deutschland ist halt fast jeder Quadratmeter irgendwie genutzt oder gepflegt. Fast neidisch könnte man werden auf die schier unendliche Menge Land die die Russen haben. Das Problem des „Landverbrauchs“ – wenn’s um Straßenbau – und Bau im Allgemeinen geht, das uns ständig Sorgen macht, kennen die wohl kaum. Aus diesem Grund sieht man dort auch viel öfters verlassene alte Gebäude, Straßen, Fabriken, – selbst Kirchen, – weil diese abzureißen ist wohl teurer, als die neuen einfach daneben, oder anderswo hinzubauen. Was die Landwirtschaft betrifft hatte ich den Eindruck, dass die genutzten Flächen wohl einigermaßen gepflegt und ordentlich bewirtschaftet sind, vielleicht nicht ganz so intensiv und gedüngt, wie bei uns, – aber gewundert habe ich mich, dass ich bei den riesigen Flächen an Getreide, welches mir sehr wohl zumindest zum Teil als reif erschien, – auch von der Jahreszeit her hätte sein müssen, – dass ich kaum irgendwo einen Mähdrescher zu sehen bekam, geschweige denn ganze Kolonnen davon, wie ich meine als nötig wären, um die Ernte dieser großen Flächen einzubringen. Nachgefragt habe ich dieses Thema nicht – und es mag sein, dass dem so etwas wie eine zeitlich wetterbedingte „Täuschung“ zu Grunde lag, – dass es zuvor geregnet hat oder so – und dass vielleicht nur wenige Tage später die Mähdrescher wie Schwärme von Heuschrecken die riesigen Flächen abernteten. Als wir auf dem Rückweg durch Weißrussland und Polen kamen, – dort waren überall die Mähdrescher, auch ganze Kolonnen in Gang. Wunderschön anzusehen waren die weiten Sonnenblumenfelder, die zum Teil in voller Blüte standen. So schön, dass Hans Meierhofer, der quirlige, globetrottende Bayer, der einmal ein Stück mit uns fuhr, vor Begeisterung seinen ganzen Oberkörper während der Fahrt aus dem Fenster streckte und einen lauten Freudenschrei ausstieß. So laut, dass Benita sich dermaßen erschrak, dass sie beinahe ihre Hose nass bekam.
Zurück zur Reise. 30. Juli. Romi Omis Geburtstag (Benitas Mutter) Wir sangen morgens ein kleines Geburtstagslied als Selfie aufs Handy und schickten es per Words App an die extra von unserer Tochter Rosemarie für uns und diese Reise eingerichteten App „Eltern und Kinder“ und waren daraufhin ganz stolz, dass wir so viel Kommunikationstechnik nun auch schon gelernt haben.
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7 Uhr Aufstehen und Frühstücken im Hotel in Twer. Die Familie Opel, mit dem angenehm zurückhaltenden, immer freundlichen Vater Niels und den beiden hübschen Töchtern Marie (19) und Luisa (16) waren uns vom ersten Kennenlernhandschlag am B.Tor in Berlin an sehr sympathisch. Nun war auch die liebe, freundliche Mutter dazu gestoßen. Als Lehrerin musste sie das Schuljahr zu Ende bringen und kam dann per Flugzeug nach. Solche lieben Menschen machen die positive Gruppendynamik wesentlich aus. Alleine wenn ich an die herzlichen Umarmungen jeden Morgen denke, wird mir immer noch ganz warm ums. Herz. Wir wollten um 8 Uhr 30 losfahren. Aber die Organisation erwies sich wieder einmal als schwerfällig. So gingen wir allesamt in großer Gruppe noch einmal zum Wolgaufer um dort offizielle Fotos zu machen. Und dann wurde es eben 11 Uhr 30 bis wir endlich los kamen auf die lange, fast 600 km Reise nach Nischni Nowgorod. Wir wurden dort um 18 Uhr erwartet, aber erst um 21 Uhr 45 kamen wir an. Trotzdem wurden wir am Stadtrand freundlich empfangen von einem offiziellen Regierungsvertreter (Name leider vergessen) des Auswärtigen Amtes – und 4 Nachtwölfen, die uns in die Stadt zum Parkplatz auf einem Museums- Militär-Gelände eskortierten. Von da aus ging’s per Bus ins teure Edelhotel. Ich regte mich darüber auf, denn ich wollte eigentlich lieber in Gastfamilien, oder Jugendherbergen oder anderen Massenunterkünften übernachten und das gesparte Geld dann für einen guten Zweck spenden, z.B. für die Sanierung der Schultoiletten in Utorgosch. Diese Aufregung war fehl am Platz, wie sich dann später erwies – ich komm noch dazu.
31. Juli Nischni Nowgorod. Im Hotel gut geschlafen und gefrühstückt. Aus der Gruppe wurde ich angesprochen, ob ich bereit sei eine Rede zu halten. Ich sagte ja und bereitete mich abends noch etwas darauf vor. Beim Frühstück rief ich ein paar der anwesenden Teilnehmer zusammen, um meine Rede mit ihnen noch einmal zu besprechen. So wie ich sie vorbereitet hatte, wurde sie akzeptiert, nur äußerte Herbert den Wunsch, doch ein paar Worte über den Krieg und „unsere Schuld“ einzubringen. Mit „unserer Schuld“ habe ich so ein wenig ein Problem, weil für mich die historische „Schuld“ – wenn man denn überhaupt sinnvoll von sowas sprechen kann, schwer klar festzustellen oder benennen ist. Hätte die Gruppe darauf bestanden, von unserer Schuld zu sprechen, hätte ich als Redner abgesagt und jemand anderem den Vortritt überlassen. Dann kamen wir auf die gute Idee, die Schuldfrage auszulassen und nur von „geteilter Trauer und Bedauern über die Opfer des Krieges“ zu sprechen.
9 Uhr 30 mit dem Bus in die Stadt und Stadtführung Kreml. Eine imposante bauliche Anlage, sehr gut gepflegt. Danach fuhren wir wieder auf das Militärgelände, wo unsere Autos standen für die geplanten Feierlichkeiten. Auf einer aufgebauten Bühne hielt zunächst der Kultusminister der Oblast Nischni Nowgorod (Oblast ist sowas, wie ein Regierungsbezirk, – so wie früher bei uns ein Gau, denke ich, oder vielleicht auch vergleichbar mit Bundesland) – eine Willkommensrede. Dann die Stadtbürgermeisterin (Immerhin ist N.N eine der größten Städte Russlands mit über 2 Millionen Einwohnern) Danach hielt ich meine Rede. Alle Reden wurden von unserem Viktor übersetzt. Hier mein Redetext:
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Zunächst möchte ich mich eines Pflichtversprechens entledigen. In Berlin am B.Tor vor unserer Abreise sprach mich ein Herr an, fragte mich ob ich ein Friedensfahrer sei und ob ich nach N.N käme. Dann übergab er mir diese beiden Tüten mit der Bitte, die eine der Bürgermeisterin zu überreichen und die andere an einen Freund mit Namen —– . der sei beim offiziellen Teil anwesend und ich sollte ihn ausrufen lassen. Das möchte ich hiermit tun.
Wir möchten uns ganz herzlich bei den Gastgebern, Organisatoren und allen, die dabei mitgeholfen haben, für die freundliche Aufnahme in N.N bedanken. Wir teilen mit euch die Trauer über die vielen
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Toten und Opfer der Kriege, welche Deutschland mit Russland gefochten hat. Viele Opfer und viel Leid gab es auf beiden Seiten. – Und weil wir besorgt sind über die politische Lage und Entwicklung, weil wir alle keine Wiederholung dessen wollen, sind wir heute hier bei euch, um für Frieden und Freundschaft zwischen unseren Ländern zu werben. Wir sind mit 19 Friedensfahrern nach N.N. gekommen – insgesamt sind wir mit über 300 Friedensbotschaftern aus 16 Ländern nach Russland gekommen, um auf 7 verschiedenen Routen für Frieden und Freundschaft zwischen Deutschland – Europa – und Russland zu werben. Wir sind besorgt und unzufrieden mit unserer offiziellen Politik und unseren Medien, die uns auf Betreiben von maßgeblichen Kräften der USA in einen Konflikt mit Russland treiben wollen. Als bestes Beispiel sieht man die Sanktionspolitik, die Deutschland – Europa und Russland schadet – und NUR USA Zielen und Interessen dient. Wir werden gedrängt, mehr Geld für Rüstung und Militär auszugeben, – die Rüstungsindustrie gewinnt – wir verlieren. Wir wollen Frieden, Freundschaft und ein gedeihliches Miteinander in Wirtschaft, Politik, Kultur Sport und Tourismus – mit Russland! Um dafür zu werben, sind wir hierhergekommen. – Und dass sie uns so freundlich entgegenkommen, freut uns sehr. Ich denke, das hilft dem Prozess, – denn zurück zuhause werden wir erzählen, – wie es war bei euch. Nicht jeder kann sich eine solche Fahrt leisten und daher denke ich, es sind viele zuhause, die diese Fahrt mit uns teilen, sie mit Interesse verfolgen – und mit dabei sind. In diesem Sinne, – danke dass wir heute alle so wunderbar zusammen sein dürfen – danke – Spassiba!
Nach meiner Rede kamen alle Wolgagruppen Teilnehmer auf die Bühne und in einer spontanen außerplanmäßigen Aktion sangen wir das von Benita in die Gruppe gebrachte und einstudierte Friedenslied, „Wir wollen aufstehen, aufeinander zugehen“ Benita spielte ihre Gitarre dazu. Das kam bei allen Anwesenden so gut an, dass sich der Oblast Minister ebenfalls spontan nochmal ans Mikrofon stellte und selbst ein Lied sang, – ich denke, es war ein Heimatlied. Immer wieder konnte ich beobachten, dass die Russen besonders zugänglich oder empfänglich für Musik waren. Auf einer Stadtführungstour, als wir mit dem Bus fuhren, stimmte Benita hinten ein bekanntes russisches Lied mit einem einfachen deutschen Text an, „Danke für die Freundschaft, für die Freundschaft vielen Dank —„ – und dann – „Danke für den Wodka, für den Wodka vielen Dank —„ – über die Gesichter der russischen Delegation viele von Ihnen konnten als Übersetzer Deutsch, kam ein Leuchten von Freude und Begeisterung, wie ich es selten erlebt habe. Unterstrichen wurde die Feierlichkeit durch die Anwesenheit einer Abordnung von Offizierskadetten in schicken, weißen Uniformen, die während der Reden und offiziellen Feierlichkeiten vor der Bühne strammstanden. Auch einige Mitglieder der Nachtwölfe waren da mit ihren Motorrädern. Später dann gab es eine Führung durch das Militär-Museums-Gelände und eine sympathische junge Kadettin in brauner Uniform mit großen schwarzen Stiefeln führte uns und zeigte mit Stolz die Waffen und Fahrzeuge, welche in den letzten Kriegen eingesetzt wurden wie z.B. die „Stalin Orgel“. Als wir ihr zum Abschied als Dank eine unserer „Druschba- Friedensfahnen“ schenkten, war sie überglücklich und wollte uns alle herzen. Während des Führungsrundganges durch das Museumsgelände, lernte ich auch den Leiter der Kadettenanstalt kennen, ein gut aussehender Offizier in Uniform, der sehr gut deutsch sprach. Ich tauschte Adressen (E-Mail) mit ihm aus und gedenke in Folge den Kontakt mit ihm aufzunehmen, auch – in der Hoffnung, mit ihm mein Herzensprojekt einer NEUEN EURASISCHEN ELITE zu diskutieren. Am Nachmittag bekamen wir eine Führung durch das Museum der Wolga Autofabrik von der Leiterin dieses wunderbaren Hauses. Vom T-Model Ford – ähnlichen Anfängermodell bis zum modernen Straßenkreuzer, Sportwagen, Politikeredelkarosse, ja sogar Panzer und Amphibienfahrzeuge waren dort brillant ausgestellt und würden das Herz eines jeden Autofans höherschlagen lassen.
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Abends durchstreiften wir in lockerer Gruppe nochmal die Stadt am Wolgaufer. Eine unbeschreiblich schöne, gigantische Treppenanlage, die mit 432 Stufen zum Wolgaufer hinabführte hat es mir besonders angetan. Ich bin die ganze Treppe hinunter und wieder heraufgelaufen und hatte atemlos vor Begeisterung Tränen in den Augen. Was sind das für Menschen, die sowas bauen? Nach einem Streifzug durch die Innenstadt mit Stehenbleiben bei Straßenmusikanten, Mittanzen, traten wir den über 5 km langen Rückweg zum Hotel an.
Di, 01 August Nischni Nowgorod – Tscheboksary
Für einen Dorfbewohner und Familienmann, der am liebsten den Tag im Garten verbringt, ist so eine Reise, in der man fast jeden Tag wo anders übernachtet, nicht nur aufregend und spannend, sondern auch stressig. – Ach, jetzt habe ich meine Zahnbürste im letzten Hotel vergessen, – meine schöne neue Lederjacke, die ich mir für die Reise extra gekauft habe, habe ich irgendwo ausgezogen, weil’s so heiß war, über einen Stuhl gehängt und in dem ganzen Trubel der Begegnungen, Verabschiedungen, Foto und Presseterminen vergessen. Weg ist sie und ich glaube, mein Führerschein ist auch drin. Das Ladekabel fürs Smartphone ist weg. Weißt du, wo wir die Gastgeschenke hin gepackt haben? Das Auto ist vollgepackt, viel zu viel mitgenommen, trotzdem fehlt Dieses oder Jenes. An der russ.- poln. Grenze wollten sie meinen Führerschein sehen. „Den hab ich verloren“ – eine Menge Scherereien, Laufereien, Zeit, die anderen müsse warten, 33 Sloty (€13,50) Strafe zahlen, Bescheinigung, dass ich verwarnt wurde unterschreiben und dass ich in Polen nicht mehr Auto fahren darf. All diese kleinen Sachen gehören zum Reisealltag. Zuhause fand sich dann der Führerschein wieder an. Zugegeben andere Menschen, die meisten, mögen besser sortiert und organisiert sein, als wir. Wir waren immer schon ein wenig die „Chaoten“ – Ich sag immer, das Leben ist chaotisch – und wer 10 Kinder hat —-! Wo sind eigentlich unsere Pässe? Vielleicht im Auto? – nein, da sind sie auch nicht, – hoffentlich stecken sie nicht auch noch in meiner Lederjacke. Auf dem Hotelzimmer auch nochmal alles durchgewühlt, – nix. – Ja und jetzt? – Ich frag mal an der Hotelrezeption, ob wir sie da vielleicht gestern Abend? – und – Gott sei Dank – da sind sie, alle unsere Pässe werden dort bis zur Abreise aufbewahrt, – das ist in Russland wohl so üblich.
Also N-N, – nach Frühstück um 8 Uhr und Hotel auschecken, mit dem Bus zum Militärmuseum wo unsere Autos gut und sicher standen, im Konvoi unter der begleitenden Führung der Nachtwölfe zum Stadtrand – Richtung Tscheboksary. Schnell noch ein gemeinsames Abschiedsfoto – und Abschied, – das dauert immer seine gute Zeit. Die Fahrt nach Tscheboksary war nicht so weit, ich weiß es nicht mehr. Kurz vor T. wurden wir von der Polizei empfangen und zu einem Parkplatz eskortiert, von wo aus Nachtwölfe uns wieder in Empfang nahmen und bis zum Hotel in der Stadt begleiteten. Dort wurden wir von Stadtabgeordneten, Übersetzer und Stadttouristenführerin empfangen und erhielten sogleich eine charmante Führung durch die Stadt. Die aufgeregte und übermotivierte Leiterin des Empfangskomitees hatte unseren armen ohnehin schon stark überlasteten Konstantin schon tagelang mit tausend Anrufen und Mails genervt, – mit wie vielen kommt ihr? – kannst du mir die Pässe aller Teilnehmer mailen, – wann genau seid ihr da? – am Ende wurde es, wie fast immer viel später und ein extra für uns anberaumtes Konzert musste abgeblasen werden. Man kann sich die Enttäuschung der Beteiligten vorstellen. T. ist, wie alle anderen russ. Städte, die wir sahen – eine wunderschöne Stadt. Von einer prächtig in Trachten gekleideten Volkstanzgruppe wurden wir mit toller Musik und Tänzen mitten in der Stadt begrüßt. Eine Trachtenfrau reichte herrliches Brot und Salz als Willkommensritual herum. Es war so bewegend, dass einige, selbst hartgesottene von uns weinen mussten. Nach einer (aus Zeitmangel abgekürzten) Stadtführung mit einer sehr witzigen, deutschsprechenden Russin, zuletzt in einem Museum, hatten wir in einem großen Saal dort eine Pressekonferenz. Es waren eine ganze Reihe von
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Journalisten, Fotografen und Offiziellen anwesend. Da wurde z.B. die Frage – wie wir den Zustand und die Qualität der russ. Straßen beurteilten, ausführlich behandelt. Ich sagte dort, dass ich im Allgemeinen die Straßen für gut empfand, und dass ich mit Anerkennung und Staunen sehe, wie fleißig und selbst bis spät Sonntagnacht überall gebaut werde. Wir hätten allerdings auch sehr schlechte Straßen erlebt, – und ich könne nicht verstehen, warum eine solche Straße, die nicht viel befahren wurde, dermaßen breit sein muss, – zum Teil so breit, dass leicht vier oder fünf Autos neben einander fahren könnten. Das sorgte für Gelächter bei den Journalisten, sie meinten, das Selbe würden sie sich auch bis heute immer wieder fragen. Noch größer war die allgemeine Belustigung, als Benita schnippisch einwarf, – vielleicht seien die Straßen so breit, dass man immer genügend Gelegenheit zum Ausweichen der vielen zum Teil tiefen Löcher hätte. Äußerst sympathisch fand ich die russische Fähigkeit, bei allem Stolz und Patriotismus, auch über sich selbst einmal herzhaft zu lachen. Es wurde aber auch nach Zielen und Motiven unserer Reise gefragt und ob wir Touristen seien. Wie immer und überall musste ich wieder erklären, dass wir nicht als Touristen gekommen seien, wiewohl wir auch dankbar und erfreut sind – überall die Schönheiten der Städte gezeigt zu bekommen. Wie auch später auf der Pressekonferenz in Moskau, erklärte ich, dass viele Russen gar nicht begreifen können was da bei uns los ist, mit unserer Politik und Presse, Frieden und Freundschaft, das ist doch selbstverständlich, das will doch jeder, oder etwa nicht? Könnte – oder sollte man meinen, – aber, wenn man unsere Presse und Politik anschaut, dann wird man eines Besseren belehrt. Wenn ich nicht etwa wüsste, wie sehr und aktiv die Russen heute auch schon von klein an im Internet surfen und sich informieren, dann wäre ich jetzt geneigt zu fragen, – ob die Russen vielleicht in ihrer politischen Kultur eines autokratischeren Stils, geprägt noch von fast 100 Jahren Kommunismus, – ob die es nicht gewohnt sind – oder gelernt haben, ihre Politik und ihre Mediendarstellung kritisch zu hinterfragen. – Auf die Gefahr hin, dass ich romantisiere, – ich glaube sogar, dass die Russen, gerade wegen ihrer Geschichte schon viel früher gelernt haben, kritisch zu hinterfragen, was ihnen wie präsentiert wird. Die vornehm zurückhaltende, etwas blass wirkende Olga – Dr. Olga Kirillowa – sie sagte – nennt mich Olga von der Wolga – hat auf mich einen nachhaltigen, tiefen Eindruck hinterlassen und ich habe auch mit ihr Adressen ausgetauscht, in der Hoffnung auf künftigen E-Mailaustausch. Zunächst war sie als offizielle Übersetzerin in der Begrüßungsdelegation der Stadt Tscheboksary dabei. Wir saßen danach im Hotel, aßen eine Kleinigkeit, während wir auf die Stadtführung warteten und es ergab sich eine kleine Plauderei am Tisch. Ich fragte Olga, – ob sie vielleicht auch mal nach Deutschland kommen würde, – oder ob dazu evtl. das Geld fehle. Diese Frage handelte mir den Vorwurf aus der Gruppe ein, – so eine peinliche Frage stellt man nicht. Daraufhin ergriff Olga entschieden das Wort und erklärte, – nein,- in Russland sei das keine peinliche oder unerlaubte Frage, – sie könne uns gerne erzählen, was sie verdient. Sie ist Dozentin (ich glaube für Deutsch) an der Uni – und verdiene zurzeit € 300 im Monat. Ihr Mann sei Arzt und verdiene € 800. Sie sagte weiter, – dass sie wohl gerne mehr bekäme, vorher auch mehr verdient habe, – aber, in der momentanen wirtschaftlichen Lage Russlands, – bedingt auch durch die Sanktionen, müssten sie alle – „den Gürtel etwas enger schnallen“ – sie wäre gerne dazu bereit um dem Land zu dienen und würde trotzdem Putin wählen und unterstützen, weil sie glaube, er macht eine gute Politik für sein Land. Vor so viel noblem Patriotismus ziehe ich voller Hochachtung den Hut. Kann mir dergleichen in Deutschland kaum vorstellen. Wolga wollte sich dann verabschieden, ich bat sie jedoch, ob sie nicht Zeit habe, weiter bei uns zu bleiben, auch, weil sie so hervorragend Deutsch sprach und daher als Übersetzerin wertvoll war. Sie blieb bei uns und auch bei der Pressekonferenz leistete sie gute Übersetzungsarbeit. Natürlich kann ich das schwer beurteilen, weil ich kein Russisch kann, aber dennoch nach meinem Eindruck war Olga die einzige Übersetzerin, die es auf der ganzen Reise mit unserem Viktor aufnehmen konnte. Als ich vor dem Abschied noch
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einmal erklären wollte, warum wir nach Russland gekommen waren, weinte sie in ihrer bescheidenen sympathischen Art. Tscheboksary war für mich bestimmt eines der interessantesten Begegnungsstätten auf unserer Reise. Hans und ich wurden vor dem Haus vom russischen Fernsehen interviewt und es heißt, wir wären im TV gewesen. Lena, die deutsch-russische Lehrerin aus Berlin, erinnerte mich an meine Tante Helga, die auch Lehrerin war. Sie gehörte auch zu unserer Gruppe, war auch sehr nett und hilfreich, obwohl es mit ihr auch ein paar Meinungsunterschiede gab und sie zum Teil eigene Wege fuhr, weil sie Verwandtschaft in Russl. hatte. Angestachelt durch meine Kritik an der Unterbringung im feinen Hotel in N.Novgorod, bemühte sie sich, in Tscheboksary eine private Gastfamilie für uns zu finden. Nach vielen Versuchen, – einige meinten – „ach du liebe Güte, da muss ich ja erst das ganze Haus putzen – und da bin ich dann doch zu nervös“ usw. fand sie eine entfernt verwandte Familie, die bereit waren uns aufzunehmen. Sie fuhr mit uns abends mit dem Taxi dort hin, auch, weil sie dort mit uns und ihren Verwandten essen wollte und uns zu Übersetzen. Der Hausherr und Gastgeber, ein etwa 40 bis 50-jähriger Ingenieur war total nervös und übermotiviert, hatte extra neue Bettlacken für uns gekauft und empfing uns in der Gartenlaube mit seiner Familie, – Vater (Alzheimer) – sehr nette Mutter, trank Wodka wie Wasser, Frau (stammt aus Sibirien an der Chinesischen Grenze), Schwester und Sohn (ca 8 Jahre) Das Essen mit Grillfleisch und verschiedenen Salaten und Gemüsen war reichlich, schmeckte z.T etwas gewöhnungsbedürftig. Als die Gäste und Lena, außer dem Hausherrn sich später am Abend verabschiedeten mit viel Pathos, Fotos und einer Einladung zur Goldenen Hochzeit nächstes Jahr, sie schliefen woanders, verblieben wir noch ein Weilchen in der Gartenlaube. Erst jetzt fing Igor der Hausherr an Wodka zu trinken. Offensichtlich hatte er sich vorher nicht getraut, er war zu nervös. Wir gingen dann bald ins Bett und versuchten bei der Hitze und den Mücken in der Hütte etwas Schlaf zu kriegen. Als Benita so gegen 4 Uhr morgens mal auf Toilette musste, das war ein Plumpsklo, ziemlich unappetitlich, – Lena meinte, „Klein“ macht man besser im Garten, – da sah sie, wie Igor mit einigen Nachbarn in der Laube saß und dabei lautes Palaver zu hören war. Sie mussten wohl die aufregenden Geschehen bei Wodka besprechen. Um 8 Uhr morgens sollte uns ein Taxi abholen und zurück zu unserem Auto bringen. Igor wollte uns auch Frühstück machen, aber er war zu betrunken. Ich war in Sorge, weil ich nicht mal aus ihm herausbekommen konnte, ob er ein Taxi für uns bestellt hatte. Er versuchte immer wieder mit dem Übersetzungsprogramm seines Handys, uns etwas mitzuteilen, aber da stand dann immer – „Die Minute hat eine Minute“. Ja, da soll dann einer schlau draus werden. Endlich kam dann aber das Taxi und wir mussten bedauerlicherweise losfahren, ohne uns von dem Gastgeber verabschiedet zu haben. Am Abend zuvor hatten wir jedoch noch Gastgeschenke ausgetauscht. Er schenkte uns ein hübsches kleines eingerahmtes Gemälde, wir ihm ein kleines Fotobuch unserer Familie mit Haus und Hof, welches unsere Rosemarie extra noch für uns für die Reise als Gastgeschenke in 15 facher Ausfertigung gemacht hatte – und eine Tafel Ritterschokolade, die der Sohn bekam, sie jedoch gleich unter allen Gästen aufteilte. Ja, das war dann die Geschichte mit den Gastfamilien. – Die einzige, denn danach hatte ich kaum noch Mut zu weiteren „Experimenten“ – und sah ein, dass meine Kritik wegen Hotel zu Unrecht war. Es wäre auch aus organisatorischen Gründen schwer gewesen, zumal bei den vollgestopften Terminplänen, die wir auf der ganzen Reise hatten. Man kann ja nicht spät abends bei einer Gastfamilie aufkreuzen, die vielleicht schon den ganzen Tag auf einen gewartet hat, mit Abendessen und allem, und dann sagen, „ich bin todmüde, wo ist mein Bett?“ Abgesehen von der Navigation und Fahrerei – und nächsten Morgen muss man wieder pünktlich am vereinbarten Treffpunkt sein, – muss man sich dann solchen Gästen auch mal widmen, einen (oder ein paar mehr) Wodka trinken usw.
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02.August Kazan Morgens um 9 Uhr fuhren wir von Tscheboksary los, nachdem Jan mir mit dem Überbrückungskabel auf dem Parkplatz des Hotels helfen musste, mein Auto wieder zu starten, nachdem ich das Licht vergessen hatte auszuschalten. Die Fahrt nach Kazan war diesmal nicht ganz so weit, so dass wir um 14 Uhr 30 von einer Abordnung freundlich am Stadtrand empfangen wurden.
Da war dann noch der Deutsch-Russe Victor Dietz – seines Zeichens – Vorsitzender der National-kulturellen Autonomie der Deutschen Tatarstans – Direktor des Deutschen Hauses der Republik Tatarstans, – Vorsitzender der Deutschen Karl-Fuchs-Gemeinschaft zu Kasan. Ehrlich gesagt, ich mochte ihn nicht, er war mir zu egozentrisch, hatte engstirnig rassistische Tendenzen und für ihn schien in Russland alles Gute –nur deutschen Ursprungs zu sein. Spät abends, als wir beim Bier noch in einer Kneipe zusammensaßen, verlass ich aus Protest die Runde und ging schlafen, weil ich seinen endlosen Ausführungen nicht mehr folgen wollte – sein Deutsch war schlecht, er ließ unserem Viktor jedoch kaum Zeit zum Übersetzen. Er kritisierte auch Putin, was immerhin die Rede widerlegte, in Russland dürfe man keine Kritik an Putin äußern. Dennoch verdanken wir diesem Victor auch einige sehr ergreifende Momente auf dieser Reise. Er führte uns in eine ( evangelische, – glaub ich) Kirche, in der eine Gruppe von drei Musikern auf Klavier, Geige und Cello extra für uns spielten, – Bach, Händel – und zum Schluss sogar den Strauß Walzer an der schönen blauen Donau. Wir waren in der fast leeren Kirche zutiefst ergriffen – und unser Bayern- Hans ließ sich sogar zu einem Tanz mit einer der Übersetzungsschönheiten hinreißen. Tanz in der Kirche, meint Victor, hätte er auch noch nie erlebt. Er zeigte uns dann auch in einer Stadtführung vorwiegend von Deutschen erbaute Gebäude und erklärte uns deren Geschichte. Von ganz großem Interesse war mir auch der Besuch im „Haus der kulturellen und ethnischen Begegnung“ (Weiß nicht mehr genau, ob es so hieß). Dort Begrüßte uns der Bürgermeister und gab uns eine Führung mit Erklärungen durch das Haus. Erstaunt war ich, zu hören, dass es in Russland weit über 100 verschiedene Ethnien gibt. Wie ein solcher Vielvölkerstaat funktionieren kann, wie das im Einzelnen gehandhabt wird, dafür hatten wir hier einen imponierenden Einblick erhalten dürfen. Jede der in der Stadt vertretenen Ethnien, – so wie Juden, Deutsche, Tataren, Tschuwaschen usw. hatte in dem großen Haus ein eigenes Büro, wo Belange, Beschwerden oder Formalitäten der jeweiligen Gruppe behandelt wurden. Dazu gab es eine schöne große Aula, in der völkerübergreifende gemeinsame kulturelle Projekte gespielt, gelebt und dargeboten wurden. So geht Völkerverständigung! Davon können wir uns gewiss in Deutschland eine Scheibe abschneiden, – besonders, wenn man auf die anstehenden Herausforderungen der jetzigen Zuwanderungs – und Flüchtlingswelle schauen. Die rassistischen Homogenitätsfantasien einiger AfDler und anderer, die von einer homogenen deutschen Bevölkerung träumen, sind meiner Meinung nach zu engstirnig gedacht. Deutschland ist aus einem deutschen Reich entstanden und auch dieses, so wie fast jedes Reich, wurde aus vielen verschiedenen Stämmen oder Völkern, oder Ethnien zusammengeschweißt.
Liebe Leute – wenn ich jetzt so meine Reisenotizen nachlese, wird mir gewahr, dass ich so einiges durcheinandergebracht habe. Bei dem vollen Programm habe ich es wohl einige Male versäumt, pünktlich jeden Tag meine Notizen zu schreiben – und kaum zu glauben, aber in der ganzen Aufregung und den vielen mächtigen Eindrücken, wusste ich schon nach zwei Tagen nicht mehr, wo was war. Jetzt sehe ich, dass da was durcheinandergeraten ist, aber ich kann und will es nicht alles nochmal schreiben, zumal ich auch jetzt nicht mehr alles entwirren kann. Egal, – die Tatsachen stimmen und den meisten von Euch wird es nichts ausmachen.
Also auch Kasan,mit fast 1,5 Millionen Einwohnern, 8.größte Stadt Russlands war wieder eine wunderschöne Stadt und die Geschichte mit dem Wolgadeutschen Victor war wohl dort. Zwischen Tscheboksary, Kasan und Samara werden meine Notizen etwas spärlich und ungenau und ich kann es
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jetzt nicht mehr recht zusammen bekommen. Vielleicht kann ich mit Hilfe von anderen Teilnehmern das später noch einmal überarbeiten. Mit der Familie Opel und anderen gingen wir am späteren Abend noch im Kreml spazieren und bewunderten die phantastischen Kirchen, Moscheen und anderen Bauten. Die Kul-Scharif Moschee ist die größte Moschee Europas. Auch wenn die Mehrheit in Kasan der russ. Orthodoxen Kirche angehören, so gibt es doch fast ebenso viele Muslime, aber auch starke Minderheiten, wie Katholiken, Protestanten, Juden und andere. Zeugnis und Symbol für religiöses Zusammenleben ist der herrliche Tempel aller Religionen. An diesem Tag erhielt ich im Internet die Nachricht von Trumps Unterschrift unter den Gesetzen zu verschärften Sanktionen gegen Russland. Eine traurige Nachricht, zumal wenn man sieht, wie selbst der amerikanische Präsident nicht kann, wie er will, sondern von anderen Interessen diktiert wird – Waffenlobby, Öl und Gas- Profite usw. Medwedew, der russ. Ministerpräsident hat dann auch einen entsprechend bissigen Kommentar bei Facebook geschrieben.
03.August Samara
Herrliches Wetter 28 Grad. Im Hotel „Greenline“ waren wir bestens untergebracht. Bei einer Stadtführung mit der etwas heiseren Deutsch sprechenden Fremdenführerin machten wir zunächst beim Raketenmuseum halt. Nach einer Führung durch die interessante Geschichte der Sow. Russischen Raumfahrt, mit zum Teil echten Exponaten, – hatten wir eine Pressekonferenz dort im Gebäude. Der Bürgermeister stellte seine Stadt – vor allem vom touristischen Standpunkt dar. Daraufhin schien er eher ungeduldig und verschwand auch bald, – „wegen wichtiger Termine“. Auch die Journalisten und Fotografen schienen nicht viel Interesse außer an Tourismus zu haben und waren früh verschwunden. Später erzählte Konstantin mir, es habe irgendwo geheißen, es sollte nicht so viel Politisches geredet werden. Allerdings war es das einzige Mal, wo wir derartige Töne zu hören bekamen. Die Samarer wollten offenbar nichts davon wissen, dass wir nicht als Touristen zu ihnen gekommen sind.
04. August – Pensa
Bei der Abfahrt von Samara ca. 8 Uhr dreißig gab’s etwas Regen, danach wurde es heiß – 30 Grad. Während der Fahrt wurde das Ural – Vorgebirge sichtbar. Wir passierten riesige Sonnenblumenfelder zum Teil in voller Blüte stehend und ein herrlicher Anblick. Vor Pensa wurden wir wieder einmal von einer Gruppe von 8 Leuten auf einem Parkplatz feierlich begrüßt und empfangen und von dort im Konvoi zu unserem Hotel – außerhalb Pensas geführt, wo wir dann zweimal übernachteten – und sowas ähnliches, wie eine kleine Verschnaufpause einlegen konnten. Pensa wird uns als die „Kunststadt“ in Erinnerung bleiben. Unser Hotel „Art-Pensa“ ist ein idyllisch an einem See gelegenes Künstlerhotel, mit einer riesigen Sammlung von Skulpturen, Gemälden und anderen Kunstwerken von namhaften Künstlern aus aller Welt. Das Hotel dient als Erholungs- und Ferienort – für, wie mir schien etwas besser gestellte Familien. Es gehört und wird betrieben von dem reichsten Bürger Pensas, einem sogenannten Oligarchen, der sich dort als Kunstmäzen betätigt und namhafte Künstler aus aller Welt einlädt, in seinem Hotel eine Weile kunstschaffend zu wohnen, mit kleiner Gage, freier Kost und Logis und Gestellung aller benötigten Materialien. Die dort geschaffenen Kunstwerke gehören dann ihm und verbleiben dort und werden in einem riesigen parkähnlichen Areal ausgestellt. Bei der Ankunft dort im Hotel wurden wir, wieder einmal von einer Volkstanz Trachtengruppe mit Musik, Tanz und Brot mit Salz feierlich und sehr herzlich empfangen. Nicht wenigen standen Tränen in den Augen. Nach dieser Feierlichen Ankunft checkten wir erstmal im Hotel ein- das ist ja immer so eine (etwas umständliche) Prozedur, mit Pässen usw. –genossen wir erstmal im See ein herrliches Baden. Nach dem Abendessen gab’s für die, die noch konnten und Lust hatten eine gute Führung durch das auf dem Gelände befindliche Galleriehaus mit vielen tollen
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Gemälden und Skulpturen. ———— Typisch Künstlerenclave, – es gab dort so einige Probleme mit der Technik. Die Eingangstür funktionierte nicht, man musste umständlich durch zwei kleine Seitentüren jonglieren, der Lift fiel aus, – mit dem Wi-fi klappte es nicht, unsere Toilette musste repariert werden, weil das Wasser nicht aufhörte zu laufen. Aber das sind unbedeutende Kleinigkeiten, für die wir, Benita und ich selbst als „künstlerische Chaoten“ sehr wohl ein Nachsehen haben. Am nächsten Tag – ein Samstag, nach dem guten Frühstück ging‘ s mit dem Bus in die Stadt – ca. 30 Min. Fahrt, dabei exzellente Übersetzung der russ. Führung durch den jungen Studenten Alex (der auch schon eine Zeit in Flensburg studiert hatte) In der Stadt ein Besuch eines Kunstmuseums mit einer beachtlichen Sammlung an Kunstwerken. Von da weiter zur Besichtigung der Baustelle eines Neubaus, bzw. Wiederaufbaus einer russ. orthodoxen Kathedrale- wirklich beeindruckend, mit dortiger feierlicher Überreichung einer heiligen Ikone durch einen Ordensbruder- Priester an unseren Extremschwimmer Markus, der sich in Pensa auch bei der Ausbildung von Schwimmern betätigt und verdient gemacht hat. Essen in einer Kantine wurde für uns hergerichtet. Danach durften wir zuschauen, wie Markus in der Olympischen Schwimmhalle nach vorangegangener Feierlichkeiten mit abspielen der Deutschen und Russischen Hymnen, Gesang und Reden – eine Trainingseinheit mit Kindern und Jugendlichen Schwimmern abhielt. Seine Ausführungen und Anweisungen wurden ins Russische übersetzt. Nochmal gab‘s Essen in der Kantine und danach wurden wir auf einer großen Party auf dem schönen Platz am See –oder Flussufer- mit großer Bühne und Amphitheater- artigen Sitzbänken mit wohl einigen hundert Gästen, – meistens Familien mit Kindern, – wunderbar ins Geschehen mit eingebunden, indem jede Ansage auf der Bühne in Deutsch und Russisch gebracht wurde, – unsere Druschba Bewegung ausführlich erklärt wurde und dann verschiedene Darbietungen von Sängern und Künstlern erfolgte. Zum Schluss tanzten wir alle teils Fahnen schwenkend mit auf dem Platz vor der Bühne. Nach der Fahrt zurück im Hotel gab’s dann nochmal Essen, Trinken, Musik und Feiern am See. Benita war dabei, ich zog mich aufs Zimmer zurück, war zu müde. Bei dieser Gelegenheit hatten sich wohl einige aus unserer Gruppe ordentlich „einen eingekauft“ – Jan meinte, der letzte Wodka muss wohl schlecht gewesen sein. Die Fahrt nach Rjasan musste dann Claudia in ihrem Wohnmobil alleine bestreiten. Sonntagmorgens genossen Benita und ich nach dem Frühstück einen herrlichen Spaziergang durch den Skulpturenpark, wo ich auch zahlreiche Fotos machte. Sonntag 06 August – Nach endlosen Verabschiedungen und Fotos, endlich Abfahrt Pensa in Richtung Rjasan. Lange ziemlich heiße Fahrt über 400 km bei 25 bis 28 Grad. Mittagessen in einem Straßendorf am Straßenrand, wo vor jedem Haus (Hütte) ein Schaschlik Grill qualmte. Viele LKW hielten dort zum Essen an. Wir aßen dann auch Schaschlik und es schmeckte sehr gut. Auf der Weiterfahrt hielten dann Konstantin und Jonathan vor uns an, um einen Anhalter mitzunehmen. Einige Zeit später an einer Tankstelle stiegen wir alle aus und versammelten uns um die drei und Konstantin erzählte uns die Geschichte von „Tolik“. Tolik ist Ukrainer. Er kämpfte auf Seiten der „Aufständischen“ gegen die ukrainische Regierung, wurde gefangen genommen, saß 1 und ein halb Jahre im Gefängnis. Seine russische Frau, mit der er ein Kind hat, erhielt die Nachricht, er sei tot. Als er sie nach seiner Freilassung aufsuchte, hatte sie einen anderen Mann geheiratet und mit dem auch schon ein Kind. Daraufhin beschloss Tolik zurück an die Front zu gehen. Hans machte den Anfang und warf € 50 in einen Hut und wir sammelten etwas Geld für ihn ein, damit er seinen Weg per Bus oder Bahn weiter finden kann. So wurde uns hautnah beigebracht, was der Krieg für Schicksale produziert. Nicht nur Konstantin, der als Übersetzer das Ganze als erster und am direktesten mitbekommen hatte, – ohnehin durch die enorme Belastung seiner Aufgabe als Gruppenleiter auch emotional „aufgeweicht“ – zusätzlich vielleicht auch durch die Erfahrung eigener problematischer
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Familienverhältnisse für eine solche Situation besonders empfänglich, Konstantin, aber nicht nur er musste mit den Tränen kämpfen.
Dierk Treber der Fotograf aus unserer Gruppe, den ich immer so ein wenig als sarkastisch spottenden abseitsstehenden Einzelgänger gesehen hatte, fuhr unser Auto eine Weile, als ich zu müde wurde. Dabei fanden wir Gelegenheit zu einer Unterhaltung und gegenseitigem besseren Kennenlernen. Als gelernter Zimmermann, später Straßenbautechniker (ist er wohl immer noch) und Weltenbummler konnte viel Interessantes erzählen. Er war auch schon mal in Brisbane und hat da im Akkord Treppen eingebaut. Hat ein Haus in der Nähe von Frankfurt, welches er aber vermietet und lebt seit einiger Zeit in Mozambique in Afrika. Gut fand ich die Geschichte, wie er erzählte, wie ein „Sozialist“ ihn nach einer von ihm vorgestellten Fotoausstellung über Mozambique fragte, „und was ist mit der dortigen Armut? – warum haben Sie die nicht dargestellt?“ – daraufhin antwortete Dierk, – er habe in Berlin alte Frauen Pfandflaschen sammeln gesehen damit sie überleben können. Er könne darüber ja mal einen Armutsbericht darstellen. – Wenn man Glück und Reichtum in Stunden Lächeln oder Lachen messen würde, so wären die besagten Völker in Afrika wohl viel reicher als viele von uns.
Abends im Hotel in Rjasan nach dem Einchecken noch mit ein paar kernigen Nachtwölfen zur nicht weit entfernten Ewigen Flamme gegangen und im Hotelfoyer bei einem Bier und kleinen Snack den Abend ausklingenlassen.
Montag 07 August Rjasan
Morgens um 9 Uhr mit dem Bus vom Hotel zur Stadtverwaltung. In dem „Palast“ – Empfang – Empfang von Bürgermeister, Stellvertreter und anderen Honoratioren, – Austausch von Begrüßungsreden und Freundlichkeiten, Fotos. In dem topmodernen Verwaltungssaal, mit einem riesigen ovalen Tisch in dessen Innerem für jeden Sitzplatz ein Bildschirm und ein Mikrofon installiert war, bekamen wir auf diesen einen kurzen Film über die Stadt Rjasan vorgespielt. Danach Busfahrt zu einem Soldatenfriedhof, auf dem auch deutsche Soldaten lagen. Vorbildlich gepflegte Anlage. Dort legten wir Nelken nieder und hatten anschließend ein Interview mit einem Fernsehsender. Kleine Stadtführung, – Mittagessen in einem Einkaufzentrum. Das Einkaufzentrum erschien mir ganz genau wie diejenigen bei uns. Dann wurden wir zu einem bezaubernden (Märchen) Park einige Km außerhalb der Stadt gefahren, für Kinder Familien und andere, mit fantastischen Gebäuden, Parkanlagen, Schnitzereien und dergleichen gefahren, wo wir ein paar Stunden lustwandeln und genießen konnten. Zurück in der Stadt im Restaurant in der Münsterstraße – der Besitzer spricht gut Deutsch, – Empfang mit Volkstanzgruppe, dann Tee und Kuchen im Saal, durchmischt mit russischen Bürgen, mit denen wir in den jeweiligen Tischen ins Gespräch kamen. Es waren eine Reihe von Studentinnen, die zumindest etwas Deutsch sprachen anwesend, so dass überall eine Konversation möglich war. Es wurde auch gesungen, auf russischer Seite – und auch wir trugen wieder einmal unser Friedenslied vor. Abends im Hotel Verabschiedung von Dolmetscherin Tatjana und russischem Koordinator Igor. Danach noch schnell (?!) Besprechung in der Lounge wegen morgen – die Rede beim Patriarchen. Es hieß, – höchste Ehren würden uns zuteil, beim Empfang des Stellvertreters des Patriarchen (sowas, wie der Papst) der Orthodoxen Kirche Russlands. Wir würden in „heilige“ Stätten eingelassen, in die nur der Patriarch und Putin sonst Einlass haben.
Dienstag 08.August Rjasan – Moskau
Abfahrt Rjasan kurz nach 7 Uhr. Nach etwa einer Stunde Fahrt, an einem Kriegerdenkmal an der Straße nahe eines Dorfes wurden wir von einer Delegation und Sänger Tanzgruppe mit Akkordeonspieler feierlich und freundlich begrüßt mit den obligatorischen Ritualen, wie Darreichung von Brot und Salz. Sodann pflanzten wir in vorbereitete Löcher etwa 30 Kiefern und Eichen – die
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Kiefern wurden (wahrscheinlich durch einen Übersetzungsfehler als Zedern deklariert. Zu spät merkte ich, dass wir doch in dem nassen aber harten Boden noch ganz schön buddeln mussten um die Bäumchen eingepflanzt zu kriegen – und hatte mir meine guten Schuhe schön versaut. Dabei hatte ich extra Gummistiefel mitgenommen. Eilige Weiterfahrt mit Polizeieskorte zum besagten Kloster – das Refugium des Patriarchen. Dort Besichtigung der Kapelle, der Baustelle der Wohnung des Patriarchen, die uns von dem gut deutschsprechenden Verwalter und einem (etwas einfältig anmutenden) Mönch gezeigt wurden und das Kloster, wo wir einen Imbiss mit Tee und Keksen, Beeren, Nüssen und Honig in einem charmanten langen Pavillon am See einnahmen.
Also Begegnung mit dem Patriarchen oder Stellvertreter? – Fehlanzeige. Uns machte das nichts aus, wir waren „vollgefüttert“ mit Begegnungen hochrangiger Würdenträger. Von da aus verlief die Weiterfahrt nach Moskau ziemlich chaotisch, weil Konstantin und einige andere unbedingt einen Termin zur feierlichen Kranzniederlegung mit Presse und allem drum und dran in Moskau noch erreichen wollten. Die Geschichte, wie mich dann die Polizei angehalten hatte, habe ich schon erzählt. Um ca. 18 Uhr kamen wir völlig erschöpft im Hotel Beta in Moskau an und nach dem umständlichen Einchecken gingen wir erstmal auf unser Zimmer und schliefen eine Runde.
Um 21Uhr dreißig gingen wir nochmal los zum U-Bahn Terminal in der Nähe, wo ein Straßenkonzert stattfand und wo wir mit Opels, Konstantin, Jonathan, Herbert, Lena, Dierk, Renate, Jan und Claudia in netter Runde in einem Straßenrestaurant noch etwas aßen, tranken und erzählten – bis halb nach Mitternacht. Um ein Uhr mittwochmorgens waren wir im Bett.
Mittwoch 09. August
Bis 8 Uhr geschlafen. Frühstück im Hotel. Um 9 Uhr30 Fahrt mit der U-Bahn Metro zu Pressekonferenz, zu welcher man sich bei Interesse vorher hatte anmelden müssen. Unangemeldet kam dann keiner mehr rein. Dort saßen Rainer Rotfuß, Owe Schattauer, Eduard Klein und Konstantin nebst Moderatorin auf dem Podium. Im Raum saßen und standen außer etwa dreißig – vierzig Friedensfahrern zahlreiche Journalisten, Fotografen und Filmemacher. Wir erhielten alle Kopfhörer mit einer Übersetzung ( die allerdings nach meiner Einschätzung – weniger, als gut war)
Nach der Anmoderation umriss Rainer den Sinn und Zweck und die Art unserer Friedensfahrt. Er erklärte auch, dass er nur Tage zuvor wegen einer Rede, die er auf der Krim gehalten hatte, von einer rechtsextremen ukrainischen Gruppe auf eine Todesliste gestellt worden sei. Diese hätten zuvor zwei Journalisten binnen zwei Tagen nach der Aufnahme in diese Liste – ermordet.
Anschließend gab Owe in eloquenter Weise seine Sicht wieder. Auch Eduard und Konstantin kamen zu Wort.
Danach wurde die Fragestunde eröffnet. Die Journalisten interessierten sich für Einzelheiten der Geschehnisse auf der Krim /Druschba betreffend) – von denen ich allerdings auch nichts wusste. Es wurden auch Fragen zur Organisation von Russischer Seite in Moskau gestellt. Ich bat ums. Wort und sagte, dass ich immer wieder den uns freundlich begegnenden Russen, die sich oft erkennbar viel Mühe gemacht haben uns etwas zu bieten, zu erklären versuchte, dass wir – bei aller Dankbarkeit über die vielen wunderbaren Dinge, die uns gezeigt und geboten würden, – eben nicht als Touristen gekommen seien, sondern mit einer Botschaft im Herzen. Wir wollten Frieden und Freundschaft zwischen Russland und Deutschland propagieren und fördern. Immer wieder sei ich fast rätselndem Staunen oder Unverständnis begegnet, so als wollten sie mir sagen – „Frieden und Freundschaft? – ja das sind doch Selbstverständlichkeiten, das will doch ein jeder – oder etwa nicht? Und ich musste
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dann immer umständlich in wenigen Worten versuchen zu erklären, was bei uns in Deutschland und ganz Europa in den Medien und in der Politik gespielt wird.
Nach der Pressekonferenz gingen wir zu Fuß ein gutes Stück bis zu einem schönen großen Park. Dort Spazieren, Gespräche und Mittagessen. Dann Treffen am Parkeingang zum Eventdance.
Entgegen meinen Beteuerungen, nicht als Tourist gekommen zu sein, – wollte ich jedoch unbedingt noch den Kreml und den Roten Platz gesehen haben, ehe wir nächsten Morgen weiterfahren würden. So fuhren wir mit Herbert, David (aus der Schweiz) und den Filmemachern Irene und Stefan mit der Metro zum Kreml und ließen dafür eine große Veranstaltung der Nachtwölfe aus, die der Rest unserer Gruppe und viele der anderen Friedensfahrer besuchten. Diese Entscheidung fiel mir schwer, weil ich doch eine ausgesprochene Zuneigung zu den Wölfen habe.
Die Metrobahn Moskaus hat bei mir einen der tiefsten Eindrücke der ganzen Reise hinterlassen. Es sind wahre „Kultstätten“ des Sozialismus – gigantisch, faszinierend und technisch sowie architektonisch und künstlerisch höchst beeindruckende Bauwerke und Personentransportmittel. Paläste, in denen der Kommunismus sich selbst gefeiert hat. Vor Begeisterung meinte ich – „da könne man direkt nachträglich zum Kommunisten werden wollen. Wer sich dafür interessiert, kann bei Google eine wunderbare Fotoserie über die Moskauer Metro sehen.
Der Kreml, der Rote Platz, die Zwiebelturmkirche, und alles drum herum ist riesig und märchenhaft schön. Es mag vielleicht Menschen geben, denen da manches an die persönliche „Kitschgrenze“ geht, meine war jedoch nicht erreicht.
Auf einem Platz vor dem Kreml entdeckten wir einen Russen, der Putin sehr ähnlich sah und in feinem schwarzen Anzug gegen 1000 Rubel Entgelt (- etwa 14 Euro) sich mit Touristen fotographieren ließ. Benita meinte gleich, das machst du und dann schicken wir das Bild dem Paps. Mein fast 92-jähriger Vater in Australien hatte mir nämlich vor der Reise in seiner leicht ironischen Art am Telefon erklärt, – ja – dann solle ich Putin schön grüßen und ihn fragen, ob er ihn auch kenne. Zurück zuhause schickte ich meinem Vater eine Mail – in der ich mich von der Russlandreise zurückmeldete und das Foto anhängte, Dazu schrieb ich –„gewissenhaft nach deinem Wunsch, habe ich Präsident Putin deine besten Wünsche übermittelt. Er meinte, ein solch prächtiger Sohn müsse wohl einen wunderbaren Vater haben“ Prompt schrieb Vater zurück – Heidrun, seine Frau , sowie meine Brüder zweifelten an der Echtheit des Fotos, er wisse nun nicht mehr recht was er glauben solle. Vater kann zwar noch erstaunlich gut mit dem PC arbeiten für sein Alter, aber dass er wohl nicht wusste, was ein Smiley bedeutet, dachte ich mir schon. Am nächsten Tag am Telefon, als ich mich schon entschuldigen wollte und meinte, „ob ich ihn beleidigt hätte“ – sagte er „nein, ganz und gar nicht, ich freue mich, – so viel hinterhältigen Humor hätte ich dir gar nicht zugetraut“. Ich bin halt doch nicht ganz so blöd, wie ich aussehe. 🙂 Vor dem Weg zurück zum Hotel kehrten wir fünf in ein Restaurant in der Nähe des Kremls zum Essen ein und hatten dabei noch eine gute Unterhaltung. Ich bin sehr gespannt auf das fertige Produkt, – den Film über die Friedensfahrt 2017, den Irene und Stefan produzieren.
Do.10.August – Moskau – Smolensk
Abfahrt Moskau 9Uhr 30. Wilde und lange, anstrengende Fahrt nach Smolensk – ca.500 km. Ankunft um 17 Uhr. Sofort Empfang auf einem Parkplatz und Stadtführung mit einer extra dafür vorbereiteten Gruppe von Deutsch-Studenten und Studentinnen. Danach eine große gemeinsame Druschba Friedensfahrer Versammlung am dortigen Ehrenmal im Park mit Ewiger Flamme. Große Feierlichkeiten mit Reden von Rainer, örtlichen Größen, ein Militäroffizier und anderen, dabei
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Ehrengarde von Sieben Soldaten, die sich in Abständen im Stechschritt gegenseitig ablösten. Unser Professor Wolfgang spielte ein wunderschönes klassisches Stück auf der Geige und verlieh der Veranstaltung dadurch eine extra Note von Würde und Feierlichkeit. Wir legten daraufhin alle Nelken auf dem Podest der Ewigen Flamme nieder. Danach zum Hotel zum Einchecken zusammen mit Opels und Lena. Mit dem Taxi um 21 Uhr nochmal in die Stadt und im Park im Restaurant mit der Plastikkuh – Schaschlik gegessen, Bier und Wodka getrunken und unterhalten. Lena sprach ihre Unzufriedenheit mit ihren anfänglichen Mitfahrern Dierk und Renate an, stieß dabei aber bei allen von uns auf Ablehnung und Unverständnis. Sie meinte, die hätten fürs Mitfahren zu wenig bezahlt. Ich meinte, wie auch immer, – in solchen Fällen ist es immer besser, derartige Differenzen sofort und direkt mit den Beteiligten anzusprechen. Wir schenkten Familie Opel, Lena und den Schneider Brüdern je ein Exemplar unseres Familienbilderbuches, worüber Lena sich ganz besonders freute. Nachdem wir etwas Schwierigkeiten hatten ein Taxi zu bekommen, waren wir Mitternacht im Hotel zurück. Ich lernte auch einiges über die kriegerischen Aktivitäten in und um Smolensk im 2. Weltkrieg.
Freitag 11.August – Smolensk – Minsk
Unsere Friedensfahrt 2017 nähert sich dem Ende zu. Nach einem gewaltigen Morgengewitter welches die Straßen kurzfristig ordentlich überfluten ließ, Abfahrt Smolensk 9 Uhr 30. Auf der Autobahn – ca. 11Uhr 30 bis 15 Uhr Wartezeit für Mautgerät und Abwicklung und Bezahlung. Diese Wartezeit bei zermürbender Hitze in trister Umgebung gehörte zu den stressigsten Erlebnissen der Reise für mich. Es war für mich völlig unbegreiflich, wie und warum – EIN Beamter (es gab nur einen) zum Teil über eine halbe Stunde brauchte um ein Formular zur Mauterhebung auszufüllen. Man kam schon auf den Gedanken – kann es Schikane sein? Danach ging es aber gut weiter bis Minsk. Einchecken im Hotel Belarus um 19 Uhr 30. Ab 21 Uhr bis Mitternacht waren wir zu Fuß in der Stadt unterwegs, zunächst zum Essen in einem Restaurant, dann erhielten wir noch eine kleine Stadtführung von (Tanjana?) – sie ist Weißrussin, glühende Patriotin, liebt ihr Geburtsland und steht hinter der Regierung von Lukaschenko, der ja bei uns als diktatorischer Despot portraitiert wird, lebt aber mit ihrem Mann in Dresden. Weiß Russland – eine National-Sozialistische Diktatur? Jedenfalls sah ich in Minsk eine sehr schöne, ausgesprochen saubere, gepflegte Stadt mit interessanten Gebäuden, sauberen, modern anmutenden Hochhaus-Wohnkomplexen, hübsche Teich und Gartenanlagen. Das ganze Land Belarus (Weißrussland) machte auf mich einen ordentlichen Eindruck als überwiegend Agrarland mit großen Getreideflächen. Überall wurde gedroschen, was das Zeug hält, ganze Kolonnen von Mähdreschern waren am Arbeiten und die großen Strohballen lagen auf den abgemähten Feldern, bereit zur Abfuhr.
Samstag 12, August – Minsk – Warschau.
Abfahrt – pünktlich! – zur verabredeten Zeit – um 9 Uhr. Fahrt bei Hitze bis 35 Grad. Helen Opel (oder Belmore?) hatte dann entweder das feine Gespür, oder einen Zufallstreffer, als sie uns ein paar Musik CD’s schenkte, die uns auf der weiteren Reise mit Begeisterung unterhielten, am besten gefiel mir die CD mit Volks – oder Kinderliedern sehr lustig und verjazzt gespielt. Das machte das Fahren etwas leichter, – ich wusste vorher gar nicht, dass der CD Spieler in meinem Autoradio funktioniert. Wir hatten etwa eine knappe Stunde Wartezeit auf der Strecke für die Rückgabe und Abrechnung der Mautgeräte, welche an unseren Windschutzscheiben montiert waren. An der Weißrussischen- Polnischen Grenze ca 2 Std. Wartezeit. Dort etwas Ärger wegen meines fehlenden Führerscheins. Von der Grenze aus fuhr dann zunächst Marie ein Stück und dann Niels. In der Unterhaltung mit Niels, über dessen politische Verortung (rechts- links) ich immer noch am Rätseln bin, – er hielt sich da etwas bedeckt. Ich versuchte ihn ein wenig in meine Eurasisch- Elite- Gedanken zu bringen, hatte aber schnell das Gefühl, dass bei ihm ein gewisser (romantischer?) Hang zu Basisdemokratie a la
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Schweiz vorherrscht. Es ist in allen Eliteforschungen bekannt, dass sich jedwede Elitegedanken wohl auf irgendeine Weise mit Vorstellungen von Demokratie – zumal Basisdemokratie – beißen. Jedenfalls konnte ich über das Schweizer Demokratiemodell nicht ausreichend informiert mitsprechen und versprach Niels, dass ich mir das Schweizer Modell zum Studium vorknöpfen werde. (romantisch?) habe deshalb eingefügt, weil mir die Frage berechtigt erscheint, – inwiefern wir denn wirklich eine Demokratie haben, oder Echt mehr eine Oligarchie oder Plutokratie (Herrschaft des Geldes) Eine gute Frage wäre, wie sich denn bei uns in Deutschland Demokratie oder eine andere Herrschaftsform entwickelt hätten, – oder noch entwickeln werden, ohne das Überstülpen der amerikanisch- britischen Demokratievorstellungen nach dem Krieg, bzw. nach deren Zurückweichen.
Ankunft im Hotel Sandgate in Warschau um ca. 20 Uhr. Gemeinsames Abendessen mit Konstantin und Jonathan und ein kleiner Wodka.
Sonntag 13. August – letzter Tag der Friedensfahrt 2017 – Warschau – Berlin – Hamdorf.
Frühstück im Hotel – 9 Uhr Abfahrt mit den Schneider Brüdern. Auf der Autobahn trafen wir dann Opels und Viktor mit Hans und fuhren weiter in Kolonne die ganze Strecke bis Berlin. Am Stadtrand von Berlin trafen sich dann (fast) alle Friedensfahrer auf einem großen Obi-Parkplatz. Es war ein freudiges Hallo und Wiedersehen mit vielen herzlichen Umarmungen, eine wunderbar gelöste Stimmung, als wir die vielen Strapazen, aber natürlich auch tollen Eindrücke und Erlebnisse glücklich überstanden hatten, alles bei herrlichem – nicht mehr so heißen Sonnenwetter.
15 Uhr 30 fuhren wir mit über 100 (130?) Autos und großem Polizeiaufgebot in einem langen Konvoi laut hupend und Fahnen schwenkend durch Berlin zum Zentrum machten wieder eine große „Ehrenrunde“ um den Reichstag wurden von hunderten (oder tausenden?) Menschen am Straßenrand begrüßt und zugewunken – und kamen unmittelbar vor dem Brandenburger Tor zum Stehen- Parken um ca. 16 Uhr. Die Straße des 17.Juni war wieder für uns gesperrt worden und stand uns allein zur Verfügung. Am B.Tor war wieder eine Bühne aufgebaut. Es gab Reden, Spontan- Interviews am Mikrofon, Musik und Film und Fotografen. Die offizielle Presse hatte sich (beleidigt – oder indigniert?) nicht eingefunden. Die dort dann gesielte und gesungene Rockmusik hat mich dann, wie anfangs schon gesagt „abgemacht“. Ich hätte sonst auch noch gerne ein paar Worte übers Mikrofon gesagt, – darüber, dass wir nach solch einer großartigen Reise – jetzt „dranbleiben“ sollten, – uns aufs Wesentliche konzentrieren – nämlich, wie können wir noch viel mehr Menschen „auf die Reise“ MITNEHMEN – das ist unbedingt notwendig, wenn wir etwas Entscheidendes erreichen wollen und das Heft des Handelns nicht den transatlantischen Eliten überlassen wollen. Und dass wir uns bewahren sollten vor einem kleinkarierten Hickhack über menschliche und organisatorische Fehler und Unzulänglichkeiten, die selbstverständlich auf solch einer Reise zu Hauf eben auch passieren. Zeit für konstruktive Kritik und Verbesserungsvorschläge gäbe es später noch genug.
Wenn ich mir jetzt so die bedauerlichen Kommentare und Streitereien im Telegramm Forum ansehe, dann denke ich, eine solche klare Ansage wäre unbedingt angebracht gewesen, aber leider verließ mich da etwas der Mut.
Immerhin schafften wir es noch, auch Dank Benitas Beharrlichkeit, unser Wolga Gruppenfriedenslied auf der Bühne zu singen, was, glaube ich, gut aufgenommen wurde. Sehr bedauerlich, dass Claudia sich beim Absteigen von der Bühne ziemlich schlimm an der Hand verletzte und genäht werden musste. Hoffentlich heilt alles schnell und gut. Wir haben uns dann aber relativ bald von allen, die wir kannten und die noch da waren verabschiedet. Die Böhms und Opels wollten auch los.
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So fuhren wir ca, 19 Uhr los und kamen um 23 Uhr zuhause in Hamdorf an. Von Warschau bis Hamdorf – 963 km in einem Tag- inklusive Abschiedsprogramm in Berlin. Auf dem letzten Abschnitt mobilisierte der Stalldrang wohl noch einmal meine letzten Kraftreserven.
Fazit
Ja, der Bericht ist sehr lang geworden, – aber — . – Wir empfinden die Reise als gigantisches Erlebnis. Es hat unseren Horizont erweitert, uns tolle Erlebnisse, wunderbare Freundschaften und Kontakte gebracht und auch unserer Beziehung sehr gut getan. Ich hoffe, dass wir politisch in unserem Sinne etwas bewegt haben- oder noch weiter tun werden.
Ein paar Vorschläge zur Organisation der nächsten Reise 2018 werde ich demnächst noch im Forum einbringen. Leider können wir die Reise nächstes Jahr nicht mitmachen. Wir haben nächstes Jahr etwa zur selben Zeit ein großes Familientreffen in Kanada und außerdem weiß ich auch nicht, ob unser Zeitplan, unser Geld und unsere Kraft für eine solche Reise jedes Jahr ausreichen. 12 Kinder, 17 Enkel, ein großer Schaugarten (Mein Baby) und so manche anderen Aktivitäten, wie Benitas Kirchenchor sorgen dafür, dass keine Langeweile bei uns aufkommt
PS. Ich bin gerne bereit diesen Bericht zu bearbeiten, – auf Kritik oder Ergänzungen einzugehen.

2 Comments on “Druschba Fahrt 2017 – Reisebericht

  • Erhard Thomas
    10. Oktober 2019 at 20:10

    Zur Friedensfahrt Moskau 2016 gibt es von mir dies Buch

    Taschenbuch: 158 Seiten
    Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform (28. Oktober 2016)
    Sprache: Deutsch
    ISBN-10: 1539513742
    ISBN-13: 978-1539513742
    Größe und/oder Gewicht: 21,6 x 1 x 27,9 cm
    Preis: 19,26 Euro bei Amazon

    auch als freier
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    • Alfred Kath
      11. Oktober 2019 at 18:33

      Schön, dass Du ein Buch über die Druschba-Fahrt 2016 geschrieben hast Erhard. Wie heißt das Buch?
      Hätte es das Buch schon gegeben vor unserer Fahrt 2017 – und hätte ich davon erfahren, so hätte ich es bestimmt gekauft.
      Gibt es davon eine Leseprobe, oder Leserurteile?

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