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Syrien Reisebericht Teil 3

Syrien Reisebericht Teil 3                                     17.April 18
Das Dorf in meinem letzten Bericht hieß „Kfarbo“ – hat mich inzwischen mein Mitreisender Friedemann belehrt. Übrigens fielen mir noch zwei Geschichten von dort ein, die erwähnenswert sind. In der zweiten Nacht dort, wurde ich um ca. 2 Uhr durch einen sehr lauten Knall im Schlaf aufgeschreckt. Es hörte sich an, wie ein Schuss oder eine Bombe in unmittelbarer Nähe. Ich war schon zunächst etwas erschrocken, hörte aber dann nichts weiter, – weder Sirenen, noch irgendein Geschrei oder sonst was. Alles blieb gespenstisch still. Danach schlief ich wieder ein, hörte aber am nächsten Tag, dass es tatsächlich Bomben waren, allerdings weiter weg – etwa 30 Km und dass auch Kampfflugzeuge geflogen seien. Später in Damaskus erlebten wir das dann noch einige Male – und ich muss schon sagen, dass es schon ein mulmiges Gefühl hinterlässt, wenn man so direkt und deutlich ein solches Kriegsgeschehen erlebt (zumindest hört).
Bei der zweiten Geschichte wurden wir in Kfarbo von einer Syrischen Familie eingeladen, die eine Zeit lang in Deutschland lebte. In dem schönen, gut eingerichteten Wohnzimmer trafen wir den Vater (Rechtsanwalt) Mutter, Sohn (etwa 17 Jahre alt) und Großmutter. Sie erzählten, wie sie vor zwei oder drei Jahren nach Deutschland geflogen sind, nachdem sie Angst bekommen hatten, weil im Nachbardorf geschossen wurde (der Krieg ankam) Ein Verwandter in Deutschland besorgte ihnen die nötigen Einreisepapiere. Sie erhielten in Deutschland Flüchtlingsstatus, der noch nimmer gelte – mit allen Rechten und Zahlungen. Sie wollten sogar auch demnächst wieder nach Deutschland zurück, da die Aufenthaltsgenehmigung noch gültig war. Obwohl es eine etwas heikle Situation war, weil wir doch als Gäste dort eingeladen waren, zeigten sie sich durchaus bereit unsere Fragen ehrlich zu beantworten. Der Vater sagte, er wolle auf jeden Fall zurück in seine Heimat, wenn der Krieg vorüber ist, denn er habe dort ja auch Besitz und Freunde. Mit dem Sohn, der ein wenig Deutsch sprach, war das nicht so ganz klar. Auf die Frage, – warum sie nicht dablieben und mitkämpften, erwiderten sie – obwohl sie Assad respektierten und gut fanden, – hätten sie als Christenminderheit weniger Rechte, als die Muslimische Mehrheit. Und daher fürchteten sie, als „Kanonenfutter“ im Krieg verheizt zu werden. Assad sei zwar gut und gerecht, könne sich aber nicht immer gegen seine Generäle und Minister durchsetzen. Ich meinte, – aber wie wollt ihr von der Gesellschaft (wenn auch mehrheitlich muslimisch) – respektiert und gleichbehandelt werden, wenn ihr flieht und den anderen (auch den Russen und Iranern) das Kämpfen und Verteidigen des Vaterlandes überlasst? – und dann zurückkehrt, wenn die schwere Arbeit getan ist? Darauf konnten sie keine befriedigende Antwort geben, nur, dass sie sich ungerecht behandelt fühlten. Immerhin rechne ich ihnen positiv an, dass sie uns eingeladen hatten und diesem teils peinlichen Gespräch nicht ausgewichen sind. Es war für uns jedoch schon ein Augenöffner, – wie das mit unseren „Flüchtlingen“ und Asylsuchenden in der Praxis so aussieht. Natürlich ist uns bewusst, dass jeder Einzelfall anders aussieht. Dennoch machte ich dem Vater – Pastor Nader, einen leisen Vorwurf, dass er in seiner Gemeinde diesen Geist der Flüchtlinge unterstützte und befürwortete und den jungen Männern die Ausreise empfahl. Ich denke, selbst wenn man als Christ oder Pazifist oder aus anderen Gründen den Krieg und das damit verbundene Kämpfen kategorisch ablehnt, – könnte man immer noch sagen, – „ ich bin nicht bereit zu kämpfen, – aber ich bin bereit für andere Dienste, wie zB. Sanitätsdienst, Brot backen, Post austragen, Kartoffeln ernten usw. All diese Dinge müssen ja auch getan werden und wenn man das so bestimmt und kompromisslos ausspräche, glaube ich kaum, dass die Verantwortlichen einen lieber ins Gefängnis stecken würden, – Und selbst wenn auch!
Am letzten Abend in Kfarbo, nach dem schönen Tanz mit der katholischen Jugend, der bis nach Mitternacht ging, hatte unser guter Busfahrer mit seinem Bus eine kleine Auseinandersetzung mit einem Strommasten, der nicht wahrhaben wollte, dass unser Bus doch eigentlich Vorfahrt hatte. Der Mast wackelte ein wenig und die Drähte oben schlugen aneinander, so dass es einen herrlichen Funkenregen gab. Einige der Leute, die noch vor der Kneipe standen, als wir losfahren wollten, dachten, dass man uns jetzt noch zum Abschluss ein Feuerwerk veranstaltete. Aber der alte Bus war hart im Nehmen und so konnten wir trotzdem noch alle nach Hause (d.h- in unsere Quartiere) gebracht werden. Dennoch meinte der Busfahrer, dass der Bus erstmal durchgecheckt werden sollte und so bekamen wir am nächsten Tag einen anderen (alten) Bus samt Fahrer. – Oh je, – der stellte sich heraus als ein dermaßen rücksichtsloser, wilder Fahrer, dass viele von uns Angst bekamen, vor allem die Frauen. Er musste von unserem Reiseleiter Vital mehrmals unter Androhung zu vernünftigem Fahren ermahnt werden.
Auf der langen Reise nach Damaskus ging‘s dann zum Teil durch öde Berglandschaften. Viel Steine, wenig Vegetation, ab und zu mal eine Schaf – oder Ziegenherde, einige zerschossene und verlassene Ortschaften, eine bewohnte Ortschaft in faszinierende Weise an die felsigen Wände eines Berges geschmiegt, – dort besichtigten wir wieder eine neu renovierte christliche Kirche. Vor Damaskus mussten wir dann noch einen Umweg fahren, weil die reguläre Strecke angeblich noch nicht sicher war. Schon die Einfahrt in die Metropole Damaskus war spektakulär. Ein unglaublich dichtes, chaotisches Verkehrsaufkommen überbot bei weitem alles, was ich in meinem Leben straßenverkehrsmäßig je sah. Auf einer riesigen Kreuzung, die mit fünfspurigen Straßen gespeist wurde, fuhren die Autos, Busse, Lastwagen, Motorräder und Fahrräder in atemberaubendem Chaos durcheinander, ohne Ampeln zu beachten, scheinbar ohne irgendwelche erkennbaren Regeln, von einer Spur in die andere wechselnd. Und um das Maß voll zu machen liefen Fußgänger kreuz und quer mitten durch dieses Höllentheater, sogar Mütter mit kleinen Babys auf dem Arm, konnte man seelenruhig durch dieses Chaos laufen sehen. Bei uns in Deutschland würde man die Polizei rufen und die Person sofort festnehmen (und wahrscheinlich in die Psychiatrie stecken) Als wir dann endlich nach vielen Kontrollen und langer Reise im feinen Hotel in Damaskus ankamen, waren wir alle erleichtert. Die Hotelleitung empfing uns mit einem Snack und ich fand die Idee mit den gekochten roten Ostereiern mit dem weißen Schweizer Kreuz drauf sehr originell. Nach dem späten aber guten Abendessen und ein wenig Gesprächsaustausch, zogen wir uns auf unsere luxuriösen Zimmer zurück zur wohlverdienten Nachtruhe. Endlich wieder richtige Duschen, wo auch so viel Wasser rauskam, dass man nicht mehr hin und herspringen musste, um nass zu werden. WLan und alles, was ein verwöhnter Wessie so braucht.

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