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Syrien Reisebericht Teil 4 (letzter teil)

Syrienreise 4. und letzter Teil Hamdorf 19.April 18
So, jetzt will ich meine angefangene Arbeit endlich abschließen, denn mein Garten ruft schon mächtig nach mir, bei dem herrlichen Wetter.
Am nächsten Morgen, 04. April, nach ausführlichem Frühstück im Hotel, machten wir einen Spaziergang durch die Straßen und Basars von Damaskus. Das unglaublich intensive, quirlige, von Leben strotzende Treiben in den Einkaufsstraßen, deren es eine Unzahl zu geben scheint, gehörte mit Sicherheit mit zu den stärksten Eindrücken, die ich von Syrien mit nach Hause nahm. Man kann diese Dichte kaum irgendwie in Wort, Bild oder per Video transportieren, für jemanden, der es nicht mal selbst erlebt hat. Die Straßen vollgepackt mit Menschen, wie Ameisen auf dem Ameisenhaufen, ein „Kaufladen“ – oder Basar neben dem anderen, die Waren oft bis auf die Straße hinausgestellt. Die Läden, wie Garagen meist, nicht viel größer. Dazwischen sogar noch hupende Autos, Motorräder, Fahrräder und Männer mit Sackkarren voller Waren. Wie immer, viele Kinder, Jugendliche und Frauen, – oft mit muslimischer Verhüllung, manchmal ältere Männer mit Kleid und Arafat Tuch um den Kopf. (sieht eigentlich meist würdig aus).
Später besuchten wir eine sehr große, schöne Moschee. Obwohl zugegeben, es war auch mein ausdrücklicher Wunsch, nicht nur Christen und christliche Einrichtungen und Kirchen zu besuchen, sondern auch muslimische, – vom architektonischen und künstlerischen Standpunkt aus gesehen, war es ja alles ganz schön und beeindruckend, aber vom religiösen und rituellen Gehalt her, hat es mich eher abgemacht. Schuhe ausziehen, Frauen müssen Ganzkörperkondome tragen, Frauen auf der einen Seite, Männer auf der anderen, – hinknien, – Stirn auf den Boden, Reliquien küssen usw. —————- Nee, tut mir Leid, das ganze religiöse Getue in Syrien insgesamt, hat mich nur noch weiter von jeder Religion abgebracht. Jede monotheistische Religion mit einem eifersüchtigen, diktatorischen Gott ist mir zutiefst suspekt. Da finde ich die alten polytheistischen Religionen, wie bei den Griechen, Römern, Germanen oder den meisten Naturvölkern doch viel lebendiger, lebensnaher und sympathischer.
An einem Mittag – und einem Abendessen in einem Restaurant hatten wir Marie- Louise Haddard, eine 91 jährige, erstaunlich geistig fitte Deutsch-Syrerin zu Gast, die uns sehr gut und interessant unterhalten hatte. Sie hatte als junge Frau einen Syrer geheiratet und 60 Jahre lang in Syrien gelebt. Sie ist eine gebildete Frau und sprach sehr schön über alle möglichen privaten, politischen, sowie Gesellschaftlichen Themen.
Auch die in Syrien lebende Elvira begleitete uns einige Tage und konnte außergewöhnliches von Ihrem Leben dort erzählen. Sie brachte uns auch einen Abend mit zwei weiteren Deutsch-Syrern und dem Syrischen Mann der einen Frau zusammen. Mit dieser Gruppe hatten wir einen Frage und Antwort – Austausch.
Ein Highlight – für mich jedenfalls, war das Treffen mit dem international renommierten Französischen Journalisten und Aktivisten Thierry Meyssan, der zu uns in’s Hotel kam und uns seine Sicht der Dinge vortrug und anschließend Fragen beantwortete. Er ist Präsident des Netzwerkes „Voltair Net“. Er musste für uns zwar von Vital aus dem Französischen übersetzt werden, aber in der Pause konnte ich mich auch ein wenig in Englisch mit ihm unterhalten. Der Grundtenor seiner Ausführungen schien mir zu sein, dass er glaubte – es ändert sich in der internationalen Politik nur wenig Elementares. Die Spieler, wie Amerikaner, Briten, Deutsche, Russen usw. blieben sich im Grunde genommen immer treu in ihrer Art zu denken und zu Handeln. Daher sah er auch einen ähnlichen Aufbau der internationalen Konstellationen, wie vor dem 1. oder 2. Weltkrieg.
Als ich ihm sagte, – ich wünschte mir einen Paradigmenwechsel in der Europäischen Politik – weg von der transatlantischen Allianz und hin zu einer Eurasischen Kooperation, zu einer Zusammenarbeit Deutschlands mit Russland – und dass ich durchaus Chancen für eine solche Entwicklung sähe, – da schien er mir zunächst spöttisch zu lachen, – aber später im Einzelgespräch noch einmal daraufhin angesprochen, meinte er – nein nein, das sei kein Spott , das sähe er schon auch so, nur erscheint es derzeit noch weit weg.
Interessanterweise las ich in seinem jüngsten Blogbeitrag, just Ouvertüren in diese Richtung. Zumindest habe ich sie so interpretiert.
Unser Reisegefährte Ulrich aus Jena zeigte uns einen Zeitungsartikel seiner Lokalzeitung, mit einer Story über den ehemaligen DDR Fußballnationalmannschaftstrainer Bernd Stange, der gerade vor Kurzem den Job als Nationaltrainer für die Syrische Fußballmannschaft übernommen hatte und jetzt in Damaskus arbeiten und leben solle. Ulrich wollte versuchen, ihn zu besuchen, aber in unserer Reisegruppe gab‘s wohl nicht so viel Fußballbegeisterung und es gestaltete sich auch schwierig einen Kontakt zu ihm aufzubauen. Ulrich wollte schon resigniert aufgeben, da sagte ich, komm, wir versuchen es einfach mal. Kamil, unser Schweizer-Syrer gesellte sich zu uns und wir fuhren mit dem Taxi zum Fußballstadion. Dort lief gerade ein Spiel und Herr Stange saß auf der Ehrentribüne mit Ehrengästen, als wir von Sicherheitskräften zu ihm geführt wurden. Er begrüßte uns freudig auf der Tribüne und kam herunter, führte uns in die Clublounge, ließ uns Tee servieren und nahm sich eine halbe Stunde Zeit für ein lockeres Gespräch. Er freute sich sichtlich über unseren Besuch, ließ sich mit uns fotografieren und kehrte zu seinem Spiel und seinen Gästen zurück. Ich schenkte ihm zwei der T-Shirts, mir Deutsch – Syrischem Aufdruck. Leider konnte er uns keine mannschafts T-Shirts im Gegenzug geben, weil er gerade keine hatte. Er ließ sich jedoch von Kamil die Adresse geben und versprach, ihm eins zu schicken. Und Ulrich lud er ein, ihn doch mal in Jena in seinem Haus zu besuchen. So waren wir alle sehr zufrieden, vor allem Ulrich freute sich riesig.
Des Weiteren besuchten wir noch ein Eisenbahnmuseum, welches besonders für die Schweizer eine Bedeutung hatte, weil die Schweiz beim Bau und der Lieferung der ersten Eisenbahnen in Syrien im 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle spielten.
Und so kam es dann auch, von langer Hand geplant und organisiert zu einer (fast historischen) Fahrt mit einer alten Dampflock und drei Holzwaggons, mit viel medialer Begleitung – Fernsehen, Zeitung ect. Die Strecke wurde zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder befahren und es waren neben den Journalisten und Kameraleuten, ausgesuchte Kinder mit ihren Eltern mit an Bord, – der Zug machte einen Höllenlärm mit seiner Pfeiffsirene fast während der ganzen Strecke und viele Leute und Kinder winkten uns unterwegs aufgeregt freudig zu.
Nach dieser Eisenbahnfahrt am letzten Tag in Damaskus bestiegen wir wieder einen anderen (alten) Bus und fuhren in Richtung Libanon davon. Was der eine wilde Fahrer zu schnell fuhr, dieser fuhr nur schleichend dahin und musste ab und zu anhalten um seinen Motor zu kühlen. Endlich wurden wir auch diesen Bus und Fahrer wieder los und bekamen für den Rest der Fahrt einen guten Fahrer und einen neu(eren) Bus.
Im Libanon verbrachten wir dann nochmal zwei Tage und zwei Mal übernachteten wir in verschiedenen Hotels. Wir unternahmen noch einige interessante Besichtigungen – von Tempelanlagen, Hippodrom (Pferderennbahn) Alte Begräbnisanlagen und ähnlichen. Und auch ein altes Weingut besuchten wir, erhielten dort eine Führung und eine Weinprobe.
Ganz besonders hervorheben möchte ich jedoch den Besuch von Baal Beck – der alten Tempelanlagen vom alten Heliopolis. Diese Ruinenstätte hat mich sehr beeindruckt, was auch an der wunderbaren Führung unsere Reisegefährtin Doris lag. Die sehr sympathische Doris musste ich sehr bewundern, wie sie mit ihren 81 Jahren den Mut zu dieser Reise aufgebracht hat. Freilich ist sie nicht nur sehr gut gebildet, kann also viel Interessantes erzählen, sondern ist auch noch relativ fit für ihr Alter und geistig sehr rege und aktiv unterwegs. Ich saß im Bus eine Weile neben ihr und wir haben uns prächtig unterhalten. Die riesigen Steinblöcke in Baal Beck ließen uns staunend und rätselnd darüber, wie die Menschen das damals wohl geschafft haben diese Blöcke nicht nur zu bearbeiten und zu transportieren, sondern auch so präzise zu verbauen, dass sie ohne Beton oder Mörtel und ohne Eisenstahlbewährung – tausende Jahre zum Teil so gut erhalten bleiben konnten. Der angeblich größte behauene Steinblock der Welt ist dort zu besichtigen und wiegt fast 1700 Tonnen. Einfach unvorstellbar, wie sie das gemacht haben.
Nach einem schönen gemütlichen Abschiedsessen in einem netten Lokal direkt am Steilufer zum Mittelmeer in Beirut, fuhren wir zum Flughafen, wo wir noch bis um 2 Uhr nachts auf unseren Flug nach Zürich warten mussten. Wir waren alle glücklich erschöpft.
Fazit: Die Reise in ein Land, welches unsere Medien als völlig kriegszerstört darstellen, brachte schon einige Überraschungen, obwohl wir schon wussten, dass das Bild der Medien nicht stimmt. Besonders gewundert und gefreut habe ich mich über die positive, ja oft freudige Lebenshaltung der Menschen dort und der vielen schönen Kinder und Jugendlichen.
Syrien erlebte ich als ein schönes, uraltes Kulturland. Reich an alten Kulturschätzen, an Bodenschätzen und an schönen, guten und gut gebildeten Kindern und Menschen. Natürlich hat der Krieg schwere Schäden und Wunden hinterlassen, aber er hat das Syrische Volk keinesfalls gebrochen. Defizite gab‘s auch, das will ich nicht verschweigen. Dazu zähle ich ein zum Teil erheblicher Dreck, Müll, Verwahrlosung, auch ein Mangel an Effizienz und Disziplin. Und Spannungen und Missgunst zwischen den verschiedenen Religionsangehörigen, die, so glaube ich, mitverantwortlich waren, für die Zwietracht und den Krieg, der von Mächten außerhalb Syriens – aus geopolitischen Motiven in das Land hineingetragen wurden. Immerhin schien mir eine große Mehrheit der Bevölkerung, ungeachtet der unterschiedlichen Glaubensrichtungen treu zu ihrem Führer Assad zu stehen und so gut wie nirgends sah oder erlebte ich eine Sympathie mit irgendwelchen „Aufständischen“ – die dort alle samt und sonders „Terroristen“ genannt werden – und keineswegs so etwas wie „gemäßigte Rebellen“ oder sonst etwas.
Ich glaube, dass Syrien das Potenzial zu einem reichen, schönen und guten Land hat, wenn der Krieg erst einmal beendet sein wird. Besonders dann, wenn es eine gute politische Führung hat, die dem gesamten Volk ein Gefühl von Gerechtigkeit vermitteln kann, die für mehr Ordnung, Disziplin und Sauberkeit im Land sorgt.

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